Am 7. Mai 2026 fand in Basel zum zehnten Mal der aeesuisse Kongress statt. Rund 300 Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger aus Politik, Verwaltung, Energiewirtschaft und Wissenschaft kamen unter dem Motto «Next Energy. Sicher. Smart. Zukunftsfähig.» zusammen. Im Zentrum stand die Frage, wie die Versorgungssicherheit in Zeiten der Energietransformation gewährleistet werden kann. Die Erkenntnisse des Anlasses sind konkret und weisen über den Kongress hinaus.
Versorgungssicherheit und Klimaschutz als gemeinsame Aufgabe
Die Diskussionen machten deutlich: Versorgungssicherheit und Klimaschutz sind keine Gegensätze. Die Schweiz importiert heute rund 75 Prozent ihrer Gesamtenergie. Ein Abhängigkeitsverhältnis, das durch den Ausbau heimischer erneuerbarer Energien gezielt reduziert werden kann. Experten betonten, dass eine diversifizierte Versorgung mit einheimischen Quellen die Versorgungssicherheit langfristig sogar erhöht.
Besonders die Winterstromlücke wurde kritisch diskutiert. Im Sommer produziert die Schweiz dank Wasserkraft und Photovoltaik mehr Strom als sie verbraucht, im Winter ist sie auf Importe angewiesen. Bundesrat Albert Rösti skizzierte in seiner Keynote die Perspektiven der Politik zur Versorgungssicherheit in der neuen Energiewelt und zeigte auf, wie Politik, Wirtschaft und Technologie zusammenwirken müssen.
Energiespeicherplan: Technologien sind da, der Rechtsrahmen hinkt nach
Ein Kernstück des Kongresses war die Präsentation des neuen Energiespeicherplans der aeesuisse, erarbeitet durch das Forum Energiespeicher Schweiz (FESS). Fabienne Thomas, Co-Geschäftsführerin der aeesuisse, und Thomas Nordmann von der TNC Consulting AG stellten die Ergebnisse vor.
Das zentrale Ergebnis: Alle Speichertechnologien, die die Schweiz für ein versorgungssicheres Netto-Null-Szenario benötigt, sind bereits bekannt und technisch verfügbar. Was fehlt, sind die Rahmenbedingungen für ihre Umsetzung. Konkret braucht es einen klareren Rechtsrahmen für innovative Speicherlösungen, Fortschritte in der Raumplanung, harmonisierte Normen und Standards, dynamische Netztarife sowie gezielte Anpassungen von Förderinstrumenten und Regulierung.
EU-Stromabkommen: Milliarden auf dem Spiel
Ein weiteres zentrales Ergebnis des Kongresses: Ohne uneingeschränkten Zugang zum europäischen Strommarkt wird die Versorgungssicherheit der Schweiz deutlich teurer. Die im Rahmen des Energiespeicherplans modellierten Szenarien belegen das eindeutig. Der Bundesrat hat im März 2026 die Botschaft zu den Bilateralen III und zum Stromabkommen verabschiedet. Für die aeesuisse ist das Abkommen der nächste grosse Schritt der Energiewende: Die starke Stromproduktion aus Wasserkraft und Solar kann mit der Windenergie aus der EU optimal kombiniert werden.
Photovoltaik: Ambitionierte Ziele, reale Hemmnisse
Der Photovoltaik-Ausbau steht im Zentrum der Schweizer Energiestrategie. Aktuell sind rund 6 Gigawatt Photovoltaik-Leistung installiert, bis 2035 sollen es mindestens 17 Gigawatt werden. Das entspricht einer Verdreifachung in elf Jahren. Die Kongressteilnehmer betonten: Technisch ist das möglich, bürokratisch ist es noch zu aufwendig. Vereinfachte Bewilligungsverfahren für Solaranlagen sind eine der dringlichsten politischen Aufgaben.
Besonders alpine Solaranlagen wurden hervorgehoben. Sie produzieren im Winter deutlich mehr Strom pro installiertem Kilowatt als Anlagen im Mittelland, weil sie über dem Nebel liegen und von der Schneereflektion profitieren. Auch Agri-Photovoltaik, die Kombination von Landwirtschaft und Solarenergie auf derselben Fläche, wurde als vielversprechender Ansatz diskutiert.
Wasserkraft und Speicher als Rückgrat
Die Wasserkraft bleibt mit einem Anteil von rund 60 Prozent an der Schweizer Stromproduktion das Rückgrat der Versorgung. Pumpspeicherkraftwerke wurden als «Batterien der Alpen» bezeichnet: Sie können überschüssigen Solar- und Windstrom aufnehmen und bei Bedarf wieder abgeben. Die Schweiz verfügt über eine der grössten Pumpspeicherkapazitäten Europas.
Ergänzend wurden Batteriespeicher, Power-to-X-Technologien und intelligente Netze als zentrale Bausteine der künftigen Versorgung diskutiert. Wasserstoff, der im Sommer mit überschüssigem Solarstrom produziert wird und im Winter wieder verstromt werden kann, gewinnt dabei als saisonaler Speicher an Bedeutung.
Blick nach Österreich: Was möglich ist, wenn die Regulierung stimmt
Cornelia Daniel, Geschäftsführerin von Dachgold e.U., weitete den Blick auf Österreich. Mit über 10.000 gemeinschaftlichen Strommodellen und einem Anteil von 95 Prozent erneuerbarem Stromverbrauch zeigt Österreich, wie dynamisch sich eine erneuerbare Energiezukunft entwickeln kann, wenn die regulatorischen Voraussetzungen stimmen. Für die Schweiz ist das ein konkreter Orientierungspunkt.
Preis Energiewendemacher:in 2026
Abgeschlossen wurde der Kongress mit der Verleihung des aeesuisse-Preises «Energiewendemacher:in 2026» für das innovativste Energieprojekt. Das Publikum kürte HVO SA zum Gewinner des Preises.
Fazit
Der 10. aeesuisse Kongress hat gezeigt: Die technischen Voraussetzungen für eine sichere und erneuerbare Energieversorgung der Schweiz sind vorhanden. Was jetzt fehlt, sind klarere Rahmenbedingungen für Speichertechnologien, schnellere Bewilligungsverfahren, ein funktionierendes Stromabkommen mit der EU und der politische Wille zur konsequenten Umsetzung. Die Botschaft des Kongresses ist klar: Die Energiewende ist machbar, aber sie braucht Tempo.
Quelle: aeesuisse, Kongressbericht vom 7. Mai 2026, Basel