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#26 [Journal] Published: 05.05.2026
Cover-Bild: Österreich könnte durch Agrar-Photovoltaik 90 Terawattstunden Strom erzeugen

Österreich könnte durch Agrar-Photovoltaik 90 Terawattstunden Strom erzeugen

Österreichische Forscher zeigen das enorme Potenzial von Agrar-PV

Agri-Photovoltaik: Was Österreich zeigt und was die Schweiz daraus lernen kann

Landwirtschaft oder Solarenergie? Diese Frage wird in der Energiedebatte oft als Zielkonflikt dargestellt. Eine neue Studie der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) und des österreichischen Bundesinstituts für Agrarökonomie, erschienen im Fachjournal Renewable Energy, zeigt, dass beides auf derselben Fläche möglich ist. Für die Schweiz, die vor ähnlichen Herausforderungen steht, lohnt sich ein Blick über die Grenze.

Was die österreichische Studie zeigt

Die Forschungsgruppe um Isabelle Grabner hat erstmals einen integrierten Rahmen entwickelt, der sowohl die Solarstromproduktion als auch die landwirtschaftliche Ernte für Agri-PV-Anlagen auf Landesebene simuliert. Das Ergebnis: Um eine Stromerzeugung von 90 Terawattstunden pro Jahr durch Solar-PV auf Ackerland zu erreichen, sind 5 bis 16 Prozent der gesamten Anbaufläche erforderlich. Die simulierte Ertragsminderung bei der Pflanzenproduktion läge dabei bei 2 bis 6 Prozent. Nur Agri-PV-Anlagen können Produktionsverluste am unteren Ende dieses Bereichs erreichen.

Zum Einordnen: Der gesamte österreichische Stromverbrauch liegt bei rund 70 Terawattstunden jährlich. Das theoretische Agri-PV-Potenzial übersteigt also den heutigen Gesamtbedarf, bei vergleichsweise geringen Einbussen für die Landwirtschaft.

Je nach System kann auf 75 bis 90 Prozent der Fläche weiterhin Landwirtschaft betrieben werden. Die Koexistenz ist also keine Kompromisslösung, sondern in vielen Fällen eine echte Doppelnutzung.

Wie Agri-PV funktioniert

Agri-PV-Anlagen kombinieren Solarmodule und landwirtschaftliche Nutzung auf derselben Fläche. Die gängigsten Ansätze sind aufgeständerte Systeme, bei denen Module in 3 bis 5 Metern Höhe montiert werden und der normale Betrieb darunter weiterläuft, sowie vertikale bifaziale Anlagen zwischen den Kulturreihen. In beiden Fällen können grosse Teile der Fläche weiter bewirtschaftet werden.

Ein Nebeneffekt, der in der Praxis relevant ist: Die Module schützen empfindliche Kulturen vor Starkregen, Hagel und übermässiger Hitze. Gleichzeitig profitieren die Solarmodule von der Verdunstungskühlung durch die Pflanzen, was ihren Wirkungsgrad verbessern kann.

Die Ausgangslage in der Schweiz

Die Schweiz steht vor einer ähnlichen Grundfrage. Mit rund 1,05 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche und ambitionierten Ausbauzielen für erneuerbare Energien ist der Flächenkonflikt auch hierzulande ein zentrales Thema. Das neue Stromgesetz, das seit Januar 2025 schrittweise in Kraft ist, schafft dafür wichtige Grundlagen und setzt gezielt auf den Ausbau von Solarenergie.

Erste Agri-PV-Pilotprojekte in der Schweiz zeigen vielversprechende Ergebnisse. Die politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen entwickeln sich weiter, Genehmigungsverfahren für Agri-PV-Anlagen sind jedoch noch nicht schweizweit vereinheitlicht.

Wirtschaftliche Möglichkeiten für Landwirte

Für Landwirtschaftsbetriebe bietet Agri-PV eine Möglichkeit, das Einkommen zu diversifizieren, ohne Flächen aufzugeben. Neben der Eigeninvestition mit stabilen Stromerlösen über die Lebensdauer der Anlage gibt es Pachtmodelle, bei denen externe Investoren die Anlage errichten und dem Landwirt eine regelmässige Flächenpacht zahlen, sowie Betreibermodelle, bei denen Energieunternehmen Planung, Bau und Betrieb übernehmen und den Landwirt an den Erlösen beteiligen.

Was noch zu tun bleibt

Die Technologie funktioniert und die Wirtschaftlichkeit verbessert sich mit sinkenden Modulpreisen laufend. Was in der Schweiz noch aussteht, ist die schweizweite Vereinheitlichung von Genehmigungsverfahren für Agri-PV sowie klarere Richtlinien, die Investitionssicherheit für Landwirte und Projektierer schaffen. Demonstrationsprojekte, die Ergebnisse transparent kommunizieren, können zudem helfen, die Akzeptanz in der Bevölkerung und unter Landwirten zu stärken.

Fazit

Die österreichische BOKU-Studie liefert belastbare Zahlen für das, was viele bereits vermuten: Agri-PV ist keine Notlösung, sondern eine ernst zu nehmende Option, um Flächen doppelt zu nutzen und Energieziele zu erreichen, ohne Ernährungssicherheit zu opfern. Für die Schweiz bietet das Beispiel Österreich wertvolle Erkenntnisse und Mut, eigene Projekte voranzutreiben.

Hinweis: Die genannten Studiendaten beziehen sich auf Österreich und sind nicht direkt auf die Schweiz übertragbar, da klimatische Bedingungen, Flächenstruktur und regulatorische Rahmenbedingungen abweichen. Die Studie «The techno-economic potentials of agrivoltaic installations in Austria» ist auf ResearchGate frei zugänglich.