Zurück zum Journal
#20 [Journal] Published: 14.04.2026
Cover-Bild: 40 GW Solarenergie bis 2050: Was das Swissgrid-Whitepaper für die Schweizer Energiezukunft bedeutet

40 GW Solarenergie bis 2050: Was das Swissgrid-Whitepaper für die Schweizer Energiezukunft bedeutet

Swissgrid und Schweizer Energieexperten haben aufgezeigt, wie die Schweiz bis 2050 viermal so viel Solarstrom ins Netz integrieren kann wie heute.

Bereits heute stammt jede achte in der Schweiz produzierte Kilowattstunde aus einer Photovoltaikanlage. Das klingt nach einer Erfolgsgeschichte, und das ist es auch. Doch wer glaubt, das Tempo der Energiewende könne einfach so weitergeführt werden wie bisher, der täuscht sich. Das Schweizer Stromnetz steht vor einer Herausforderung, die in ihrer Dimension kaum zu überschätzen ist.

Genau das ist der Ausgangspunkt eines Whitepapers, das Swissgrid gemeinsam mit einer Expertengruppe aus der Schweizer Energiebranche im März 2026 veröffentlicht hat. Der Titel lautet nüchtern «Systemverträgliche Integration Photovoltaik», der Inhalt hat es aber in sich.

Vom Ist-Zustand zum Ziel: Ein Faktor vier

Ende 2025 waren in der Schweiz knapp 9,62 Gigawatt Photovoltaikleistung installiert, verteilt auf über 300'000 Anlagen, die meisten davon kleinere Dachanlagen auf Wohn- und Gewerbebauten. Die Schweizer Stromgesetzgebung, die das Stimmvolk im Juni 2024 mit fast 70 Prozent Ja-Stimmen angenommen hat, schreibt nun einen Ausbau auf rund 40 Gigawatt bis 2050 vor. Das entspricht einer Vervierfachung der installierten Leistung innerhalb von 25 Jahren.

Um zu verstehen, was das bedeutet, hilft ein Vergleich: Der sommerliche Spitzenverbrauch in der Schweiz liegt derzeit bei sieben bis acht Gigawatt. Das Land soll also eine Solarkapazität aufbauen, die an guten Tagen rund fünfmal den Spitzenbedarf übersteigen könnte. Mit den heutigen Rahmenbedingungen hält Swissgrid dieses Ziel für kaum vorstellbar. Die gute Nachricht ist, dass das Whitepaper gleichzeitig konkrete Wege aufzeigt, wie es dennoch funktionieren kann.

Das Winterproblem: Warum einfach mehr Fläche nicht reicht

Eine der zentralen Erkenntnisse des Papiers ist, dass der bisherige Fokus auf maximale Jahreserträge umgedacht werden muss. Wer eine Solaranlage auf ein Südostdach mit optimalem Neigungswinkel baut, holt im Sommer das Maximum heraus. Im Winter, wenn der Bedarf hoch und die Sonne tief steht, trägt dieselbe Anlage aber kaum etwas bei.

Das Whitepaper argumentiert deshalb, dass künftige Zubaumassnahmen gezielt auf die Winterproduktion ausgerichtet werden müssen: steile Montagewinkel, Ost-West-Ausrichtungen, Fassadenanlagen und alpine Standorte, die im Winter mehr Sonnenstunden sehen. Das bedeutet aber auch, dass man in Kauf nehmen muss, dass nicht jede produzierte Kilowattstunde zu jeder Zeit gebraucht wird. Im Sommer wird es an vielen Tagen zu Produktionsüberschüssen kommen, die das Netz nicht aufnehmen kann. Das ist systemimmanent und darf kein Hinderungsgrund für den Ausbau sein.

Reduzierter Netzanschluss: Weniger ist manchmal mehr

Einer der mutigsten Vorschläge des Whitepapers betrifft die Netzanschlussleistung. Heute wird eine Solaranlage so dimensioniert, dass ihr gesamtes Erzeugungspotenzial ins Netz eingespeist werden kann. Swissgrid schlägt vor, diese Anschlussleistung auf bis zu 50 Prozent der installierten PV-Leistung zu reduzieren.

Das klingt auf den ersten Blick nach einem Nachteil für Anlagenbesitzer. Rechnet man aber nach, ergibt sich ein anderes Bild: Laut Swissgrid würden dadurch über das Jahr hinweg rund 15 Prozent der produzierten Energie nicht ins Netz eingespeist. Dieser Strom ginge aber nicht verloren, er müsste stattdessen lokal selbst verbraucht oder in einem Batteriespeicher zwischengespeichert werden. Ein Netz hingegen, das auf 100 Prozent der installierten Photovoltaikleistung ausgelegt wäre, wäre massiv überdimensioniert und schlicht nicht finanzierbar. Für Eigenheimbesitzer bedeutet das konkret: Wer heute schon auf Eigenverbrauch und Speicher setzt, ist auf dem richtigen Weg.

Einspeisevorrang abschaffen: Ein politisch heisses Eisen

Derzeit geniesst Solarstrom in der Schweiz einen gesetzlichen Einspeisevorrang. Das bedeutet, Solarstrom hat Priorität, egal wie viel davon gerade produziert wird und was er gerade wert ist. Wenn mittags im Sommer tausende Anlagen gleichzeitig einspeisen, führt das zu stark negativen Strompreisen. Die wirtschaftlichen Signale verpuffen, und das Netz gerät unter Druck.

Das Whitepaper spricht sich dafür aus, diesen Vorrang langfristig abzuschaffen und durch echte Marktsignale zu ersetzen. Wer flexibel ist, wer Strom speichert und dann einspeist, wenn er gebraucht wird, soll davon wirtschaftlich profitieren. Das ist eine tiefgreifende Systemveränderung, und die Autoren sind sich bewusst, dass der Gesetzgeber dabei eine Gratwanderung meistern muss: den Anreiz zum Solarausbau nicht abwürgen und gleichzeitig eine marktverzerrende Subventionslogik überwinden.

Flexibilität als Geschäftsmodell der Zukunft

Was das Whitepaper als roten Faden durchzieht, ist die Forderung nach systemdienlicher Flexibilität. Photovoltaikanlagen sollen künftig nicht nur Strom erzeugen, sondern aktiv zur Netzstabilisierung beitragen. Das setzt technische Anforderungen voraus, die bereits heute bei der Installation berücksichtigt werden müssen.

Swissgrid betont dabei einen wichtigen Punkt: Einmal installierte Anlagen lassen sich nachträglich nur mit hohem Aufwand anpassen, und das schliesst schwierige Diskussionen über Kostenaufteilung und Übergangsfristen ein. Da heute installierte Systeme zwanzig Jahre oder länger im Betrieb bleiben, darf keine Zeit bei der Definition der notwendigen Anschlussbedingungen verloren gehen. Mit anderen Worten: Was heute falsch gebaut wird, bleibt zwei Jahrzehnte ein Problem.

Der Datenaustausch zwischen Anlagen, Verteilnetzbetreibern und Swissgrid spielt ebenfalls eine zentrale Rolle. Nur wenn bekannt ist, was gerade wo produziert und verbraucht wird, kann Flexibilität sinnvoll eingesetzt werden. Hier besteht laut Whitepaper noch erheblicher Nachholbedarf.

Was Eigenheimbesitzer jetzt davon mitnehmen können

Das Whitepaper richtet sich primär an Regulatoren, Netzbetreiber und politische Entscheidungsträger. Aber die Botschaften sind auch für Haushalte relevant, die heute über eine Solaranlage nachdenken oder bereits eine betreiben.

Wer plant, sollte Eigenverbrauch und Speicher von Anfang an einplanen. Die Zeiten, in denen man einfach produziert und alles ins Netz schickt, laufen aus. Ein Batteriespeicher, der bei Niedrigpreisen Energie zurückhält und bei höherem Bedarf abgibt, wird nicht nur wirtschaftlich attraktiver, sondern auch systemrelevant. Die Ausrichtung der Anlage sollte nicht ausschliesslich auf maximalen Sommerertrag optimiert sein, sondern auch die Wintermonate berücksichtigen. Und wer seine Anlage in ein Smart-Home-System oder Energiemanagementsystem integriert, ist für die Anforderungen der nächsten Jahrzehnte besser gerüstet.

Ein Anstoss, keine Blaupause

Swissgrid selbst bezeichnet das Whitepaper als Diskussionsgrundlage und nicht als fertige Blaupause. Die beschriebenen Massnahmen greifen ineinander und müssen koordiniert umgesetzt werden, das betont das Dokument ausdrücklich. Es reiche nicht, wenn Förderinstrumente und Regelenergiemärkte unabhängig voneinander weiterentwickelt werden, ohne dass die eine Hand weiss, was die andere tut.

Das ist eine ehrliche Selbstkritik an der bisherigen Praxis und gleichzeitig ein klarer Appell an Politik, Netzbetreiber und Energiewirtschaft. Ob dieser Appell gehört wird, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Die technischen und regulatorischen Weichen, die in dieser Dekade gestellt werden, entscheiden darüber, ob die Schweiz ihre Solarziele 2050 wirklich erreicht, und zu welchem Preis.

Unser Fazit: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt

Das Whitepaper von Swissgrid ist kein Alarmsignal, sondern ein Wegweiser. Es zeigt, dass die Schweiz die richtige Richtung eingeschlagen hat und dass die nächsten Jahre entscheidend sein werden. Wir bei Energie-Atlas verfolgen diese Entwicklungen genau, weil wir überzeugt sind: Die Energiewende gelingt nicht im grossen Ganzen allein, sondern auf jedem einzelnen Dach, in jedem Keller mit einem Batteriespeicher, in jeder Gemeinde, die ihre Infrastruktur vorausschauend plant. Wer heute eine gut durchdachte Solaranlage installiert, leistet nicht nur einen Beitrag zur Versorgungssicherheit der Schweiz, sondern investiert auch in die eigene Unabhängigkeit. Wir helfen euch dabei, die richtigen Entscheidungen zu treffen.