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#62 [Journal] Published: 08.09.2026
Cover-Bild: Agri-PV in der Schweiz: Wie Solarstrom und Landwirtschaft zusammenfinde

Agri-PV in der Schweiz: Wie Solarstrom und Landwirtschaft zusammenfinde

Solarstrom und Ernte auf derselben Fläche: Agri-PV verspricht Klimaschutz für die Landwirtschaft, doch das Schweizer Raumplanungsrecht bremst noch.

Stell dir vor, dieselbe Fläche liefert gleichzeitig Nahrungsmittel und sauberen Strom und schützt die Ernte dabei vor Extremwetter. Genau das verspricht die Agri-Photovoltaik, kurz Agri-PV. In der Schweiz gewinnt das Konzept an Bedeutung, denn Hitze, Trockenheit und Hagelschlag setzen der Landwirtschaft zunehmend zu. Zwischen Versprechen und Praxis liegen allerdings noch einige Hürden.

Was ist Agri-PV und warum ist sie für die Schweiz relevant?

Bei der Agri-Photovoltaik werden Solarmodule so über oder neben landwirtschaftlichen Nutzflächen installiert, dass Anbau und Stromerzeugung gleichzeitig möglich bleiben. Die Module beschatten die Kulturen teilweise, verändern das Mikroklima und können vor Starkregen oder Hagel schützen. In Deutschland, Frankreich und Japan sind bereits zahlreiche Anlagen in Betrieb.

Für die Schweiz ist das Thema aus mehreren Gründen aktuell. Die Landwirtschaft leidet unter Wetterextremen: Im Trockensommer 2022 kam es in der Schweiz bei Mais regional zu Ernteausfällen von bis zu 70 Prozent, wie der Versicherer Schweizer Hagel meldete (Schweizer Hagel, September 2022). Gleichzeitig verfolgt die Schweiz ambitionierte Ausbauziele bei den erneuerbaren Energien: Gemäss dem Stromgesetz sollen bis 2035 in der Schweiz neue erneuerbare Energien 35 Terawattstunden Strom liefern, wovon der grösste Teil, rund 30 Terawattstunden, aus der Photovoltaik stammen soll (Bundesamt für Energie, 2026). Agri-PV könnte dazu beitragen, ohne zusätzliche Flächen zu versiegeln.

Wie die Sonnenseite berichtet, wird Agri-PV in der Schweiz zunehmend als Klimahilfe für die Landwirtschaft diskutiert, allerdings mit offenen Fragen zur praktischen Umsetzung.

Konkrete Vorteile für Schweizer Landwirtschaftsbetriebe

Die Vorteile von Agri-PV gehen über die reine Stromerzeugung hinaus. Eine Studie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) zeigt, dass die Teilbeschattung durch die Module die Bodentemperatur senken und die Verdunstung reduzieren kann, wodurch mehr Feuchtigkeit im Boden erhalten bleibt (ZHAW, 2026). Wie stark sich das auswirkt, hängt laut der Studie von Kultur, Standort und Anlagendesign ab und muss von Fall zu Fall beurteilt werden.

Weitere Effekte, die in der Praxis bereits sichtbar werden:

In Leuggern im Kanton Aargau produziert seit diesem Jahr eine Agri-PV-Anlage über einer 1,4 Hektar grossen Kirschenanlage Strom. Betreiber Ruedi Obrist erwartet dadurch unter anderem weniger Hitzestress für die Bäume und langfristig einen geringeren Fungizideinsatz.

In Wädenswil im Kanton Zürich betreibt die ZHAW die erste Schweizer Agri-PV-Anlage über einer Gemüse- und Ackerfläche, um Effekte auf Ertrag und Mikroklima wissenschaftlich zu untersuchen.

Aufgeständerte Module bremsen zudem den Wind in Bodennähe und können so die Gefahr von Winderosion verringern.

Besonders interessant ist Agri-PV für Obstbau, Beerenkulturen und Reben, wo Wetterschutz ohnehin oft schon durch Hagelnetze sichergestellt werden muss. Eine Agri-PV-Anlage kann diese Funktion übernehmen und gleichzeitig Strom produzieren.

Regulatorische Hürden in der Schweiz

Der Weg zur eigenen Agri-PV-Anlage ist in der Schweiz noch anspruchsvoll. Landwirtschaftliche Nutzflächen sind durch das Bundesgesetz über die Raumplanung (RPG) ausserhalb der Bauzone grundsätzlich geschützt. Seit der Teilrevision des RPG kann eine freistehende Solaranlage auf Landwirtschaftsland als standortgebundene Ausnahmebewilligung nach Artikel 24ter Absatz 2 RPG bewilligt werden, sofern sie die landwirtschaftlichen Interessen nicht beeinträchtigt und der landwirtschaftlichen Produktion einen Vorteil bringt, etwa durch Schutz vor Wetterextremen (Bundesamt für Energie, 2026).

Konkret bedeutet das: Jedes Projekt muss den «Vorteil» für die Landwirtschaft im Einzelfall überzeugend nachweisen. Die kantonalen Bewilligungsbehörden beurteilen das unterschiedlich, was zu uneinheitlichen Anforderungen führt.

Weitere offene Punkte:

Bei den Direktzahlungen ist von Fall zu Fall zu klären, ob Flächen unter Agri-PV-Anlagen weiterhin dafür qualifizieren.

Da sich der Bereich noch in der Entwicklung befindet, ist laut dem Bundesamt für Energie derzeit unklar, wie kantonale Behörden künftige Projekte im Einzelfall beurteilen werden (Bundesamt für Energie, 2026).

In ländlichen Gebieten sind Stromnetze oft nicht für grössere Einspeiseleistungen ausgelegt, was Netzausbauten nötig machen kann.

Das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) arbeitet zusammen mit dem Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) und dem Bundesamt für Energie (BFE) an einer einheitlicheren Praxis für die Beurteilung solcher Projekte.

Standortbedingungen: Wo lohnt sich Agri-PV in der Schweiz?

Nicht jede Fläche eignet sich gleich gut für Agri-PV. Wichtige Standortfaktoren sind:

Sonneneinstrahlung: Das Schweizer Mittelland und die Alpentäler gehören zu den sonnenreicheren Regionen der Schweiz, das Tessin und die Westschweiz weisen tendenziell die höchsten Werte auf.

Kulturtyp: Obstbau, Beerenkulturen, Weinbau und Gemüsebau eignen sich gemäss den bisherigen Erfahrungen von ZHAW und Fraunhofer ISE besonders gut, weil sie ohnehin von Wetterschutz profitieren. Für Getreide und Mais ist die Datenlage dünner.

Topografie: Flache bis leicht geneigte Flächen erleichtern Installation und Maschineneinsatz.

Infrastruktur: Ein leistungsfähiger Netzanschluss in der Nähe erleichtert die Einspeisung.

Internationale Erfahrungen als Vorbild

Ein Blick über die Grenzen zeigt, was möglich ist. In Deutschland koordiniert das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) die «Modellregion Agri-PV Baden-Württemberg», in deren erster Umsetzungsphase fünf Forschungsanlagen an Standorten wie Bavendorf, Heuchlingen, Karlsruhe, Kressbronn am Bodensee und Oberkirch-Nussbach mit einer Gesamtleistung von über 1'700 Kilowattpeak entstanden sind (Fraunhofer ISE, 2025).

Die älteste deutsche Forschungsanlage steht seit 2016 auf dem Demeter-Betrieb Heggelbach am Bodensee. Im Hitzesommer 2018 lag der Winterweizenertrag unter der Anlage sogar 3 Prozent über dem Ertrag der unbeschatteten Vergleichsfläche, während die 194 Kilowatt starke Anlage auf 0,3 Hektar rund 250'000 Kilowattstunden Strom produzierte (Fraunhofer ISE, 2019). Hochgerechnet entspricht das über 800 Megawattstunden pro Hektar und Jahr, wobei der tatsächliche Ertrag stark von Modulanordnung und Standort abhängt.

Frankreich hat mit dem Gesetz APER vom 10. März 2023 erstmals eine gesetzliche Definition für Agrivoltaïsme eingeführt, die mit einer Verordnung vom April 2024 konkretisiert wurde. Projekte müssen seither mindestens einen von vier definierten Nutzen für die Landwirtschaft nachweisen, etwa den Schutz vor Wetterextremen.

Japan gilt mit rund 2'000 Agri-PV-Anlagen, dort «Solar Sharing» genannt, seit Langem als Pionierland. Das Konzept wurde 2004 in der Präfektur Chiba entwickelt (AIP Conference Proceedings, 2021).

Fazit und Handlungsempfehlungen

Agri-PV ist keine ferne Utopie, sondern eine Technologie mit dokumentiertem Nutzen im Ausland und ersten Praxisbeispielen in der Schweiz. Für die Schweizer Landwirtschaft liegt darin eine Chance: Klimaresilienz stärken und zur Energiewende beitragen, auf Flächen, die ohnehin bewirtschaftet werden.

Konkrete nächste Schritte:

Landwirte, die Interesse haben, klären die Bewilligungsfrage frühzeitig mit dem kantonalen Amt für Landwirtschaft und der Bewilligungsbehörde ab und suchen den Kontakt zu bestehenden Pilotprojekten wie in Leuggern oder Wädenswil.

Wer Agrarland mit Obstbau oder Beerenkulturen besitzt, prüft mit einer fachlichen Standortanalyse, ob sich eine Anlage eignet.

Für Behörden und Politik bleibt die Klärung einheitlicher kantonaler Kriterien zentral, damit Projekte nicht an uneinheitlicher Praxis scheitern.

Die Schweizer Landwirtschaft steht vor grossen Herausforderungen durch den Klimawandel. Agri-PV liefert keine Patentlösung, aber einen möglichen Baustein für eine widerstandsfähigere und nachhaltigere Landwirtschaft.

Quellen: Bundesamt für Energie (BFE), energeiaplus, 2026; Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW), 2026; Schweizer Hagel, September 2022; Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE), 2019 und 2025; Sonnenseite, 2026; Loi APER (Frankreich), 10. März 2023; AIP Conference Proceedings, "Evolution of agrivoltaic farms in Japan", 2021.