Eine gemeinsame Studie der ETH Zürich und des Paul Scherrer Instituts (PSI), veröffentlicht am 29. Juni 2026, liefert erstmals eine breit abgestützte wissenschaftliche Grundlage für die Schweizer Debatte um neue Kernkraftwerke. 19 Energieexpertinnen und -experten haben mit vier unabhängigen Energiemodellen berechnet, unter welchen Bedingungen neue Atomkraftwerke Teil eines kostenoptimalen Schweizer Strommixes für das Jahr 2050 wären.
Die Studie erscheint zu einem politisch heiklen Zeitpunkt: Das Parlament hat in der letzten Session entschieden, dass der Bau neuer Atomkraftwerke in der Schweiz wieder möglich sein soll. Die Autoren betonen jedoch ausdrücklich, kein Plädoyer für oder gegen Kernenergie abzugeben, sondern eine wissenschaftliche Diskussionsgrundlage zu liefern.
Das zentrale Ergebnis: Unter heutigen Bedingungen nicht wettbewerbsfähig
Alle vier Modelle kommen unabhängig voneinander zum gleichen Schluss: Unter den heutigen politischen und finanziellen Rahmenbedingungen sind neue Kernkraftwerke in der Schweiz nicht wettbewerbsfähig. Würde der Staat ausschliesslich erneuerbare Energien im Rahmen des 45-Terawattstunden-Ausbauziels fördern und keine Unterstützung für neue Kernkraftwerke gewähren, wäre Kernkraft selbst bei vergleichsweise tiefen Baukosten von 5000 bis 8000 Franken pro Kilowatt installierter Leistung zu teuer.
Gleichzeitig zeigt die Studie: Die Schweiz kann ihr Netto-Null-Ziel 2050 mit bestehenden und bereits geplanten Technologien erreichen, auch ohne neue Kernkraftwerke. ETH-Forscher André Bardow bringt es auf den Punkt: Es gehe auch ohne.
Was es braucht, damit sich neue AKW lohnen würden
Die Studie nennt drei Bedingungen, unter denen neue Kernkraftwerke wirtschaftlich konkurrenzfähig würden. Erstens müsste die öffentliche Hand beschliessen, auch Kernkraft im Rahmen des 45-TWh-Ziels zu fördern, so wie sie das heute bereits für Photovoltaik und Windkraft tut. Zweitens müsste die Politik Massnahmen zur Risikoabsicherung beschliessen, etwa Bürgschaften für Kredite oder Garantien in Form von «Contracts for Difference», um die Kapitalkosten von marktüblichen 8 auf 5 Prozent zu senken, was dem Zinssatz anderer CO2-freier Grossanlagen entspricht. Drittens dürfen die Baukosten nicht zu hoch ausfallen.
Genau dieser dritte Punkt ist der entscheidende Hebel. Aktuelle europäische und US-amerikanische Neubauprojekte kosten rund 12'000 Franken pro Kilowatt. Bei diesem Kostenniveau lohnt sich eine Investition in drei von vier Modellen nicht mehr, selbst mit staatlicher Unterstützung. Würden die Baukosten dagegen auf rund 5000 Franken pro Kilowatt sinken, wäre es je nach Modell rentabel, zwischen 2,6 und 4,9 Gigawatt an neuer Kernkraftleistung zuzubauen. Bei mittleren Baukosten von 8000 Franken pro Kilowatt sagen immerhin zwei der vier Modelle eine installierte Leistung von 2 Gigawatt voraus, vergleichbar mit der heutigen Gesamtleistung der drei laufenden Reaktorblöcke in Beznau, Gösgen und Leibstadt.
PSI-Forscher Andreas Pautz ordnet die hohen europäischen und amerikanischen Baukosten als Folge von Erstanlagen-Effekten ein, sogenannten First-of-a-Kind-Projekten. Gelinge es Herstellern, aus den jüngsten Kostenüberschreitungen zu lernen, hält er Baukosten von rund 8000 Franken pro Kilowatt für nicht unrealistisch.
Die Winterstromfrage bleibt auch mit AKW bestehen
Ein zentrales Argument für neue Kernkraftwerke ist die Versorgungssicherheit im Winter. Die Studie bestätigt: Neue Kernkraftwerke würden die Netto-Stromimporte im Winter tatsächlich verringern, und zwar je nach Modell um 1 bis 6 Terawattstunden, was 3 bis 20 Prozent der heutigen Winterstromerzeugung entspricht. Vollständig verschwinden würde die Importabhängigkeit aber auch mit neuen AKW nicht. Selbst in den Modellen mit Kernkraft bleibt die Schweiz Netto-Importeurin von Strom im Winter.
Zum Vergleich: Zwischen Oktober 2025 und März 2026, als das Kernkraftwerk Gösgen revisionsbedingt abgeschaltet war, importierte die Schweiz netto rund 7 Terawattstunden Strom. Die Kraftwerke Beznau und Leibstadt produzieren jährlich rund 6 beziehungsweise 10 Terawattstunden. In einem Energiesystem ohne neue Kernkraft würden die Netto-Winterimporte je nach Modell zwischen 5,4 und 12,4 Terawattstunden liegen.
«Um ein stabiles und bezahlbares Energiesystem aufrechtzuerhalten, ist ein effizienter Stromhandel mit den Nachbarländern auch mit neuen Kernkraftwerken unerlässlich für die Systemflexibilität», fasst Bardow zusammen.
Solarenergie bleibt das Rückgrat, mit oder ohne Kernkraft
In einem künftigen Energiesystem ohne neue Kernkraftwerke würde die Solarenergie je nach Modell zwischen 36 und 43 Terawattstunden Strom liefern, das entspricht rund der Hälfte des gesamten Schweizer Stromverbrauchs im Jahr 2050. Zum Einordnen: 2025 produzierten Schweizer Photovoltaikanlagen rund 8 Terawattstunden Strom. Der nötige Ausbau ist also massiv. Wasserkraft und Photovoltaik würden zusammen rund drei Viertel der Stromversorgung ausmachen, ergänzt durch Windkraft, Biomasse und Speichertechnologien wie Pumpspeicherkraftwerke, Wasserstoff, Methan und Batterien.
Wichtig: Auch in den Modellen mit neuen Kernkraftwerken bleibt Solarenergie stark im Ausbau. Steigen die Baukosten für neue AKW von 5000 auf 8000 Franken pro Kilowatt, wird der fehlende Kernkraftstrom in den Modellen vor allem durch Photovoltaik ersetzt, nur zu einem deutlich kleineren Teil durch Windkraft. Die Studienautoren betonen, dass Kernkraft und Solarenergie in einem gemeinsamen System technisch und wirtschaftlich kompatibel seien.
Warum Flexibilität zur zentralen Anforderung wird
Genau an diesem Punkt setzt eine wichtige Überlegung an, die über die Studie hinausgeht. Der private und gewerbliche Photovoltaik-Ausbau in der Schweiz schreitet rasant voran. Damit verändert sich das Anforderungsprofil an alle künftigen Grosserzeuger grundlegend. Was das System braucht, sind keine zusätzlichen, nicht regelbaren Grosskraftwerke, die unabhängig vom aktuellen Bedarf konstant Strom liefern, sondern einen Mix aus flexibel regelbaren Erzeugern, die sich an die Schwankungen von Sonne und Wind anpassen können.
Kernkraftwerke sind technisch zwar in begrenztem Mass regelbar, sogenannter Lastfolgebetrieb, bei dem die Leistung über kurze Zeiträume um einige Prozent angepasst werden kann. Wirtschaftlich attraktiv ist das für die Betreiber aber kaum: Die hohen Investitionskosten und vergleichsweise tiefen Betriebskosten von Kernkraftwerken machen einen möglichst konstanten Dauerbetrieb finanziell sinnvoller als häufiges Drosseln, zudem lässt sich die Leistung nur bis zu einer technischen Mindestlast senken, nicht beliebig weit. Ein zusätzliches Grosskraftwerk mit diesem Profil löst das Problem der mittäglichen Solarspitzen deshalb nur bedingt.
Sinnvoller ist eine Diversifizierung über mehrere erneuerbare Quellen mit unterschiedlichen Erzeugungsprofilen. Windenergie liefert tendenziell dann Strom, wenn die Sonne fehlt, insbesondere im Winterhalbjahr und in der Nacht, und ergänzt die Solarproduktion zeitlich. Geothermie wiederum ist wetterunabhängig und kann kontinuierlich Strom liefern, unabhängig von Tages- und Jahreszeit. Ein zusätzlicher Vorteil der Geothermie liegt in der Sektorkopplung: Neben Strom lässt sich auch die anfallende Wärme direkt nutzen, etwa für Fernwärmenetze. Das erhöht den Gesamtnutzungsgrad der Anlage erheblich und macht Geothermie zu einer der wenigen erneuerbaren Technologien, die sowohl Strom- als auch Wärmebedarf gleichzeitig bedienen kann.
Ein solcher Mix aus Photovoltaik, Windkraft, Geothermie, Wasserkraft und Speichertechnologien rundet das künftige Energiesystem ab, ohne dass es einzelne überdimensionierte, unflexible Erzeuger braucht. Die Studie selbst deutet in diese Richtung, wenn sie festhält, dass auch in Modellen mit neuen Kernkraftwerken Windkraft, Biomasse und verschiedene Speichertechnologien weiterhin Teil des Systems bleiben.
Einordnung
Die Studie liefert keine Antwort auf die Frage, ob die Schweiz neue Kernkraftwerke bauen soll. Sie zeigt vielmehr die wirtschaftlichen Bedingungen auf, unter denen sich diese Frage überhaupt stellt. Entscheidend werden in den kommenden Monaten zwei Dinge sein: ob die Politik bereit ist, Kernkraft ähnlich wie erneuerbare Energien zu fördern und finanzielle Risiken zu übernehmen, und ob sich die Baukosten neuer Reaktoren auf ein wettbewerbsfähiges Niveau senken lassen. Bis Ende Jahr soll das Bundesamt für Energie einen Bericht zur möglichen Finanzierung neuer AKW vorlegen, der diese offenen Fragen vertiefen soll.
Am Ende, so betonen die Studienautoren selbst, ist die Entscheidung für oder gegen neue Kernkraftwerke keine rein ökonomische, sondern eine gesellschaftliche.
Quelle: Bardow A. et al., «Kernkraft und das zukünftige Schweizer Energiesystem: Eine Techno-Ökonomische Analyse basierend auf Modellresultaten», Joint White Paper ETH Zürich und Paul Scherrer Institut, 29. Juni 2026, DOI: 10.3929/ethz-c-000801811. Weitere Einordnung: SRF, NZZ, watson.ch, swissinfo.ch, 20 Minuten.