Eine Studie der Hochschule für angewandte Wissenschaften HES-SO Valais-Wallis vom 22. Januar 2026 liefert konkrete Zahlen zu einer bisher wenig diskutierten Seite der AKW-Debatte: Wie würden neue Atomkraftwerke die wirtschaftliche Lage der Schweizer Wasserkraft verändern? Das Ergebnis ist bemerkenswert klar.
Was die Studie berechnet
Die Forscher Stéphane Genoud (Professor) und Carlo Maino (wissenschaftlicher Mitarbeiter) der HES-SO Valais-Wallis haben modelliert, was der Bau von einem oder zwei neuen Atomkraftwerken für die bestehende Wasserkraftinfrastruktur bedeuten würde.
Die zentralen Befunde: Mit einem oder zwei neuen AKW sinken die Einnahmen für Flusswasserkraftwerke um 29 bis 42 Prozent. Speicherkraftwerke verlieren 15 bis 19 Prozent ihrer Einnahmen. Bei Pumpspeicherkraftwerken ist die Wirkung nicht eindeutig: Sie verlieren zwar Einnahmen auf der Turbinierseite, profitieren aber gleichzeitig von günstigeren Preisen für den Pumpbetrieb. Die Gesamteinbussen für die Branche beziffern die Autoren auf bis zu einer Milliarde Franken jährlich.
Der Mechanismus dahinter
Das Grundprinzip ist einfach: Atomkraftwerke sind Grundlastkraftwerke. Sie produzieren Strom kontinuierlich, weitgehend unabhängig von der aktuellen Nachfrage. Kommen zusätzliche Grundlastkapazitäten ins Netz, steigt das Angebot, insbesondere in Zeiten niedriger Nachfrage. Die Börsenstrompreise sinken entsprechend. Wasserkraftwerke, die stark marktpreisabhängig betrieben werden, verlieren damit Einnahmen.
Die Studie kommt ausserdem zum Schluss, dass neue Atomkraftwerke ohne staatliche Subventionen nicht wettbewerbsfähig wären. Gemäss der Internationalen Energieagentur (IEA) erfordern ihre Baukosten Strompreise von 100 bis 145 Franken pro Megawattstunde, ein Niveau, das am Markt kaum erreicht wird. Erhalten neue AKW staatliche Unterstützung, können sie die Wasserkraft aus dem Markt drängen, ohne dass die Wasserkraftbetreiber eine vergleichbare Förderung erhalten.
Wer besonders betroffen wäre
Besonders stark betroffen wären die Bergkantone Wallis, Tessin und Graubünden. Sie sind stark auf Einnahmen aus der Wasserkraft angewiesen, und sie verfolgen sogenannte Heimfall-Strategien: In den kommenden Jahrzehnten sollen die meisten Wasserkraftwerke vollständig in kantonale oder kommunale Hand übergehen. Sinkende Erträge würden genau in jener Phase einschlagen, in der diese Kantone und Gemeinden stärker auf Wasserkrafteinnahmen angewiesen sein werden als heute. Aber auch Kantone mit Laufwasserkraftwerken wie Aargau, Bern oder St. Gallen wären laut der Studie spürbar betroffen.
Einordnung: Was die Wasserkraft für die Schweiz bedeutet
Die Schweiz verfügt über rund 660 Wasserkraftwerke mit einer installierten Leistung von rund 17 Gigawatt. Die Wasserkraft deckt je nach Jahr rund 56 bis 60 Prozent des inländischen Stromverbrauchs. Besonders Pumpspeicherkraftwerke erfüllen eine strategische Funktion: Sie speichern überschüssigen Strom und geben ihn bei Bedarf wieder ab. Diese Flexibilität wird für ein Stromsystem mit wachsendem Solar- und Windanteil zunehmend wichtig.
Die auslaufenden Konzessionen sind dabei ein zentrales Thema. Viele Konzessionen laufen in den kommenden Jahren aus. Wenn die wirtschaftliche Basis durch sinkende Marktpreise geschwächt wird, rücken Erneuerungen und Erweiterungen in grössere Distanz.
Die Gegenstudie: Economiesuisse sieht volkswirtschaftlichen Nutzen
Die HES-SO-Studie ist nicht die einzige aktuelle wissenschaftliche Arbeit zum Thema. Ebenfalls gerade erschienen ist eine Studie von BAK Economics im Auftrag von Economiesuisse, die zu einem anderen Schluss kommt: Der volkswirtschaftliche Nutzen eines AKW-Neubaus wäre dank höherer Versorgungssicherheit und tieferer Strompreise gross. Experten kritisieren die Annahmen dieser Studie als teilweise realitätsfremd, insbesondere was Baukosten und Subventionsbedarf angeht.
Die Debatte ist damit nicht abgeschlossen. Was beide Studien gemeinsam haben: Neue Kernkraftwerke wären ohne staatliche Unterstützung nicht wettbewerbsfähig. Die Frage ist, wer die Kosten dieser Unterstützung trägt und welche anderen Akteure dadurch unter Druck geraten.
Politischer Stand
Das Neubauverbot für Atomkraftwerke wurde 2017 im Energiegesetz verankert. National- und Ständerat haben in der jüngsten Session entschieden, es aufzuheben. Ein Referendum der Grünen ist angekündigt. Die Volksabstimmung dürfte zum entscheidenden Moment für diese Debatte werden.
Die HES-SO-Studie liefert damit ein Argument, das in der öffentlichen Diskussion bisher kaum thematisiert wurde: Die wirtschaftlichen Auswirkungen auf die bestehende Wasserkraftinfrastruktur. Ob dieses Argument politisch Gewicht erhält, wird sich zeigen.
Quellen: HES-SO Valais-Wallis, Genoud & Maino, «Challenges for hydropower and new nuclear» (22. Januar 2026); Schweizerische Energiestiftung (SES); watson.ch, ee-news.ch, NZZ; BAK Economics/Economiesuisse (Gegenstudie)