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#60 [Journal] Published: 01.09.2026
Cover-Bild: Wenn Kraftwerke Durst bekommen: Wie Hitzewellen die Energieversorgung der DACH-Region gefährden

Wenn Kraftwerke Durst bekommen: Wie Hitzewellen die Energieversorgung der DACH-Region gefährden

Hitzewellen gefährden Kraftwerke in der ganzen DACH-Region gleichzeitig. Was 2022 gezeigt hat und warum Sommer 2026 das bestätigt.

Der Sommer 2022 hat Europa einen Vorgeschmack gegeben, was klimatische Extremereignisse für die Energieversorgung bedeuten können. Frankreich drosselte den Betrieb mehrerer Atomkraftwerke, weil die Flüsse zu warm und zu flach waren. Deutschland kämpfte mit Niedrigwasser am Rhein, das den Kohletransport erschwerte. Und die Schweiz sah, wie ihre Stauseen bedrohlich sanken. Was damals als Ausnahme galt, wird zur neuen Normalität. Der Sommer 2026 bestätigt das: Das BAFU hat eine eigene Seite zur aktuellen Trockenheit aufgeschaltet, der Rhein bei Basel liegt seit Mitte Juni fast durchgehend unter den Tiefstwerten der Referenzperiode 1991 bis 2020 (BAFU, August 2026).

Wenn Kraftwerke Durst bekommen: Die physikalischen Zusammenhänge

Konventionelle Kraftwerke sind in hohem Masse auf Wasser angewiesen, nicht nur als Energieträger, sondern vor allem als Kühlmittel. Atom- und Kohlekraftwerke entziehen Flüssen enorme Wassermengen, um ihre Turbinen und Reaktoren zu kühlen. Das Problem: Bei anhaltender Hitze steigt die Flusstemperatur, und gleichzeitig sinkt der Pegel. Beides zusammen zwingt die Betreiber zur Leistungsdrosselung oder sogar zur vollständigen Abschaltung.

In Frankreich, das rund 70 Prozent seines Stroms aus Kernkraft bezieht, wurden im Hitzesommer 2022 zeitweise über ein Drittel der Reaktorkapazitäten gedrosselt (RTE, 2022). Die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte für die Einleitung von Kühlwasser zum Schutz der Flussökosysteme waren vielerorts erreicht oder überschritten. Dieses Phänomen ist kein Einzelfall mehr, sondern ein strukturelles Risiko für die europäische Energieversorgung.

Die Schweiz im Fokus: Wasserkraft unter Klimadruck

Die Schweiz nimmt in dieser Debatte eine besondere Stellung ein. Rund 56 bis 60 Prozent des schweizerischen Stroms stammen aus Wasserkraft (BFE). Das macht die Alpenrepublik zu einem der wasserintensivsten Länder Europas und genau diese Abhängigkeit macht das Land besonders vulnerabel gegenüber klimabedingten Veränderungen.

Die Auswirkungen sind bereits messbar. Laut einer Studie in Nature Communications haben die Schweizer Gletscher seit 2001 rund ein Drittel ihres Volumens verloren (WWF/Universität Erlangen-Nürnberg, 2020). Zwischen 1931 und 2016 halbierte sich das Gletschervolumen insgesamt (ETH Zürich/WSL, 2022). Gletscher fungieren als natürliche Wasserspeicher, die im Sommer Schmelzwasser abgeben und so Flüsse und Stauseen speisen. Mit dem Rückzug der Gletscher entfällt diese Pufferfunktion zunehmend. Kurzfristig kann dies zu höheren Sommerabflüssen führen, langfristig droht eine deutliche Verringerung der verfügbaren Wassermengen genau in jenen Monaten, in denen der Strombedarf durch Klimaanlagen und Kühlung besonders hoch ist.

Hinzu kommt: Bei Niedrigwasser und Hitze sinkt nicht nur die verfügbare Wassermenge, sondern auch der Wirkungsgrad der Turbinen. Gleichzeitig steigen die Strompreise an den europäischen Börsen, was zwar kurzfristig Exportgewinne bringt, aber die Versorgungssicherheit im Inland gefährdet.

Deutschland und Österreich: Ähnliche Muster, unterschiedliche Ausgangslage

In Deutschland offenbarte der Hitzesommer 2022 eine weitere kritische Schwachstelle: den Rhein als Transportweg für Kohle. Als der Pegel bei Kaub, einem neuralgischen Engpass, auf unter 40 Zentimeter sank, konnten Schiffe nur noch mit stark reduzierter Ladung fahren (Bundesanstalt für Gewässerkunde, 2022). Die Mehrkosten für den Transport explodierten, und einige Kohlekraftwerke mussten ihre Produktion drosseln, nicht weil das Kühlwasser fehlte, sondern weil der Brennstoff nicht mehr wirtschaftlich angeliefert werden konnte.

Österreich, ähnlich wie die Schweiz stark auf Wasserkraft ausgerichtet, verzeichnete 2022 eine um rund 20 Prozent reduzierte Wasserkraftproduktion gegenüber dem langjährigen Mittel (E-Control Österreich, 2022). Der Inn, die Salzach und andere Alpenflüsse führten zeitweise deutlich weniger Wasser als üblich. Das Land musste in erhöhtem Masse auf Gaskraftwerke zurückgreifen, ausgerechnet in einer Phase, in der die Gasversorgung aus Russland bereits unter Druck stand.

Systemische Risiken: Wenn alles gleichzeitig versagt

Das eigentlich Beunruhigende an Hitzewellen ist nicht das Versagen einzelner Kraftwerke, sondern die Gleichzeitigkeit der Probleme. Hitze erhöht den Strombedarf durch Klimatisierung. Gleichzeitig sinkt die Produktionskapazität von Wasser-, Atom- und Kohlekraftwerken. Und da Hitzewellen in Europa oft grossräumige Phänomene sind, können Nachbarländer nicht einfach einspringen, sie kämpfen mit denselben Problemen.

Dieses Szenario, hohe Nachfrage trifft auf reduziertes Angebot gleichzeitig in mehreren Ländern, ist das, was Energieökonomen als systemisches Risiko bezeichnen. Die europäischen Stromnetze sind zwar gut vernetzt, aber kein Netz kann dauerhaft kompensieren, wenn die Erzeugungskapazitäten flächendeckend einbrechen.

Besonders kritisch: Photovoltaik und Windkraft, die in Hitzeperioden theoretisch gut produzieren könnten, sind in vielen Regionen noch nicht in ausreichendem Masse ausgebaut, um die Lücken zu schliessen. Zudem kann übermässige Hitze auch Solarpanels in ihrer Effizienz beeinträchtigen. Bei Temperaturen über 25 Grad Celsius sinkt der Wirkungsgrad kristalliner Siliziumzellen um etwa 0,4 Prozent pro zusätzlichem Grad (Fraunhofer ISE).

Was jetzt gebraucht wird

Die Häufung klimatischer Extremereignisse macht deutlich, dass die Energiewende nicht nur eine Frage des Klimaschutzes ist, sondern auch der Versorgungssicherheit. Wer heute in erneuerbare Energien investiert, reduziert morgen die Abhängigkeit von wassergekühlten Kraftwerken und fossilen Brennstoffen.

Fünf Bereiche sind besonders dringlich. Der beschleunigte Ausbau von Solar- und Windkraft: Beide Technologien benötigen kein Kühlwasser und sind damit klimaresilient. Die Schweiz hat ihr Potenzial, insbesondere bei Alpinsolar, noch nicht ausgeschöpft. Investitionen in Batteriespeicher und Pumpspeicherkraftwerke: Speichertechnologien können Überproduktion puffern und bei Engpässen einspringen. Diversifikation der Energiequellen: Eine zu starke Abhängigkeit von einer einzigen Technologie schafft systemische Risiken. Grenzüberschreitende Kooperationen: Europa braucht bessere Mechanismen zur Lastverteilung in Krisenzeiten. Und Effizienzsteigerung auf der Verbrauchsseite: Jede eingesparte Kilowattstunde reduziert den Druck auf das Stromsystem in Spitzenlastzeiten.

Dürre und Hitze sind keine Naturkatastrophen, die uns überraschend treffen. Sie sind vorhersehbare Konsequenzen einer Entwicklung, auf die reagiert werden kann.

Quellen: BAFU, Sommer 2026 Trockenheit (August 2026). RTE France (2022). Bundesanstalt für Gewässerkunde Deutschland (2022). E-Control Österreich (2022). ETH Zürich/WSL, Gletscherschwund historisch (2022). WWF Schweiz/Universität Erlangen-Nürnberg, Nature Communications (2020). Fraunhofer ISE, Temperaturkoeffizient Siliziumzellen.