#66 [Journal] Published: 22.09.2026
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Der Mythos von der «schmutzigen» Photovoltaik: Was die Ökobilanz wirklich zeigt

Der Mythos der energiefressenden Solaranlage hält den Zahlen nicht stand: Ökobilanz, CO2-Werte und Amortisationszeit für PV-Anlagen im DACH-Raum.

«PV-Anlagen verbrauchen mehr Energie, als sie je erzeugen»: Diesen Satz hört man am Stammtisch, im Nachbarschaftsgespräch und manchmal sogar in seriös wirkenden Artikeln. Die aktuellen Zahlen zeichnen ein anderes Bild. Moderne Solarmodule erzeugen bereits nach wenigen Jahren Betrieb mehr Energie, als für ihre Herstellung nötig war. Wer diesen Mythos glaubt, verpasst womöglich eine der wirtschaftlich wie ökologisch sinnvollsten Investitionen fürs eigene Dach.

Woher der Mythos stammt

Der Ursprung liegt in den Anfängen der Solarindustrie. In den 1970er- und 1980er-Jahren war die Herstellung von Siliziumwafern tatsächlich sehr energieintensiv, und die Wirkungsgrade der Module lagen deutlich unter den heutigen Werten. Diese veralteten Zahlen halten sich bis heute hartnäckig, obwohl sie mit der modernen Photovoltaik kaum mehr etwas zu tun haben. Kritiker verweisen zudem gern auf den sogenannten Energierucksack, also die gesamte Energiemenge, die für Rohstoffgewinnung, Produktion, Transport und Installation aufgewendet wird. Was dabei oft unerwähnt bleibt: Moderne Anlagen tragen diesen Rucksack in einem Bruchteil ihrer Lebensdauer wieder ab.

Energierückzahlzeit: Was die aktuellen Zahlen zeigen

Die entscheidende Kennzahl in der Ökobilanz einer PV-Anlage ist die Energy Payback Time (EPBT), also die Zeit, die eine Anlage benötigt, um die bei ihrer Herstellung aufgewendete Energie durch eigene Stromproduktion wieder hereinzuholen. Für Dachanlagen mit monokristallinen Siliziummodulen liegt die EPBT in Europa aktuell bei 1 bis 1,3 Jahren (Fraunhofer ISE, Photovoltaics Report, 2025). In sonnenreichen Regionen wie dem Wallis fällt sie tendenziell kürzer aus, weil mehr Sonneneinstrahlung eine schnellere Amortisation ermöglicht. Bei einer Lebensdauer von 25 bis 30 Jahren produziert eine solche Anlage über ihre gesamte Laufzeit ein Vielfaches der zu ihrer Herstellung eingesetzten Energie: Der sogenannte Erntefaktor (Energy Return on Investment, EROI) liegt bei modernen Anlagen in Deutschland typischerweise bei 10 bis 18 (Fraunhofer ISE, Photovoltaics Report, 2025).

CO2-Bilanz: Photovoltaik im Vergleich

Neben der Energiebilanz ist die CO2-Bilanz das zweite grosse Argument in der Debatte. Die relevante Kennzahl ist die Lebenszyklusemission in Gramm CO2-Äquivalent pro Kilowattstunde. Für Dachanlagen in Mitteleuropa liegt dieser Wert laut Fraunhofer ISE (2025) bei 25 bis 55 Gramm CO2-Äquivalent pro Kilowattstunde. Zum Vergleich: Braunkohle verursacht in Deutschland rund 1075 Gramm CO2-Äquivalent pro Kilowattstunde (Fraunhofer ISE, «Aktuelle Fakten zur Photovoltaik in Deutschland», 2025), und der deutsche Strommix lag 2024 bei 363 Gramm CO2-Äquivalent pro Kilowattstunde (Umweltbundesamt Deutschland, April 2025).

In der Schweiz liegt der Treibhausgas-Emissionsfaktor des Verbraucherstrommixes deutlich tiefer: 59 Gramm CO2-Äquivalent pro Kilowattstunde im Jahr 2024. Im Jahr 2025 stieg er auf 90 Gramm CO2-Äquivalent pro Kilowattstunde, weil wegen tiefer Füllstände der Speicherseen mehr Strom aus dem Ausland importiert werden musste (Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen, 2026, gestützt auf Daten des Bundesamts für Energie BFE und des Bundesamts für Umwelt BAFU). Der tiefe Wert des Schweizer Strommixes bedeutet auch: Der CO2-Hebel einer einzelnen Schweizer PV-Anlage fällt kleiner aus als in Deutschland, wo mehr Kohlestrom verdrängt wird. Das ändert aber nichts daran, dass Photovoltaik über ihren Lebenszyklus in jedem DACH-Land deutlich klimafreundlicher ist als der jeweilige Strommix.

Kritische Rohstoffe: ernst nehmen, nicht überschätzen

Ein Kritikpunkt, den man ernst nehmen sollte, betrifft die Rohstoffe. Silber, Indium und Tellur sowie bei Batteriespeichern Lithium und Kobalt sind begrenzt verfügbar. Forschende des Fraunhofer ISE haben den Silberverbrauch von TOPCon-Solarzellen im Labor auf 1,1 Milligramm pro Watt Peak gesenkt, gegenüber einem branchenüblichen Bedarf von 10 bis 12 Milligramm pro Watt Peak. Das entspricht einer Reduktion um den Faktor 10 (Fraunhofer ISE, 2026). Das Verfahren ist bislang nicht im industriellen Massstab im Einsatz, zeigt aber das Entwicklungstempo der Branche. Silizium selbst, der Hauptrohstoff der meisten Module, ist nach Sauerstoff das zweithäufigste Element der Erdkruste.

Beim Recycling ist die Schweiz gut aufgestellt: Über das System von SENS eRecycling liegt die Rücklaufquote ausgedienter PV-Module hierzulande bei nahezu 100 Prozent, und rund 80 Prozent der eingesetzten Rohstoffe lassen sich wiederverwerten (SENS eRecycling, März 2023).

Was bedeutet das für Schweizer Eigenheimbesitzer?

Die Ökobilanz ist das eine, die Wirtschaftlichkeit das andere. In Deutschland sind die Systempreise für Aufdachanlagen zwischen 1990 und Ende 2020 um rund 92 Prozent gefallen (Fraunhofer ISE, Photovoltaics Report, zitiert nach Axpo, 2021). In der Schweiz kostet eine typische 10-kWp-Anlage für ein Einfamilienhaus derzeit rund 28'000 Franken. Die Einmalvergütung (KLEIV) beträgt aktuell 360 Franken pro Kilowattpeak, bei 10 kWp also 3'600 Franken, sodass die Nettoinvestition bei rund 24'600 Franken liegt (Pronovo AG, Stand September 2025). Eine solche Anlage produziert je nach Standort und Ausrichtung rund 9'000 bis 10'000 Kilowattstunden Strom pro Jahr. Je nach Eigenverbrauchsanteil und lokaler Förderung liegt die finanzielle Amortisationszeit in der Schweiz üblicherweise zwischen 10 und 15 Jahren, bei einer erwarteten Lebensdauer von 25 bis 30 Jahren bleibt danach ein langer Zeitraum praktisch kostenlosen Stroms.

Fazit: Handeln statt zweifeln

Der Mythos von der «schmutzigen Photovoltaik» hält den Fakten nicht stand. Moderne PV-Anlagen amortisieren ihren Energieeinsatz innerhalb weniger Jahre, verursachen über ihren Lebenszyklus einen Bruchteil der CO2-Emissionen fossiler Alternativen, und ihre Rohstoffproblematik ist real, aber lösbar und wird von der Forschung aktiv angegangen.

Konkrete Empfehlungen für Schweizer Eigenheimbesitzer: Hol dir ein unabhängiges Angebot ein, die meisten Solarinstallateure bieten kostenlose Erstberatungen an. Prüfe die kantonalen Förderprogramme, diese variieren stark und können die Wirtschaftlichkeit deutlich verbessern. Kombiniere PV mit einem Batteriespeicher, das erhöht Eigenverbrauch und Unabhängigkeit vom Netz. Und verlass dich auf aktuelle Daten statt auf Stammtischparolen aus den 1980er-Jahren.

Quellen: Fraunhofer ISE, Photovoltaics Report (2025); Fraunhofer ISE, «Aktuelle Fakten zur Photovoltaik in Deutschland» (2025); Fraunhofer ISE, Medienmitteilungen zur Silber-Metallisierung von Solarzellen (2026); Umweltbundesamt Deutschland (April 2025); Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen VSE, «CO2-Gehalt des Strommix Schweiz» (2026), basierend auf Daten von BFE und BAFU; Pronovo AG, Einmalvergütung KLEIV (Stand September 2025); SENS eRecycling / Swissolar, Faktenblätter Recycling PV-Module (2023); Axpo, «Energy Payback Time und mehr» (2021).