Zurück zum Journal
#49 [Journal] Published: 24.07.2026
Cover-Bild: ZHAW-Studie: Neue AKW gefährden bis zu 16.000 Arbeitsplätze in der Schweiz

ZHAW-Studie: Neue AKW gefährden bis zu 16.000 Arbeitsplätze in der Schweiz

Eine neue ZHAW-Studie zeigt: Neue Kernkraftwerke könnten in der Schweiz bis zu 16.000 Stellen in der Photovoltaik- und Baubranche gefährden.

Kurz nach dem Parlamentsentscheid, das AKW-Neubauverbot aufzuheben, erscheint eine Studie, die eine wenig diskutierte Dimension der Debatte ins Zentrum rückt: die Auswirkungen auf den Schweizer Arbeitsmarkt. Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) zeigt, dass die Aufhebung des Neubauverbots für Kernkraftwerke in der Photovoltaik- und Baubranche erheblich Jobs gefährden könnte.

Was die Studie zeigt und was nicht

Die Studie von Dominic Müller, Aurelio Perot, Natalie Stalder und Jürg Rohrer wurde im Auftrag der Schweizerischen Energiestiftung (SES) erarbeitet, einer AKW-kritischen Organisation, die sich für den Atomausstieg einsetzt. Das ist für die Einordnung relevant und sollte bei der Lektüre berücksichtigt werden.

Inhaltlich unterscheidet die Studie zwischen drei Szenarien:

Schon die blosse Aufhebung des Verbots ohne konkretes Bauprojekt würde laut den Autoren in den nächsten fünf Jahren 5.800 bis 9.500 Arbeitsplätze in der Photovoltaik- und Baubranche gefährden. Im Zeithorizont von zehn Jahren steigt dieser Wert auf bis zu 10.600 Stellen. Wenn zusätzlich ein neues Kernkraftwerk tatsächlich geplant oder gebaut würde, beziffern die Autoren das Risiko auf 10.000 bis 16.000 Arbeitsplätze innerhalb der nächsten zehn Jahre.

Die Kernaussage: Ein neues AKW würde zwar Stellen schaffen, aber den Grossteil des benötigten Know-hows und der Technologie müsste die Schweiz aus dem Ausland beziehen. Die gefährdeten Stellen in der Photovoltaik und auf dem Bau könnten durch ein AKW-Projekt langfristig nicht annähernd kompensiert werden.

Warum neue AKW den Jobmarkt für Erneuerbare belasten würden

Der Mechanismus ist wirtschaftlich nachvollziehbar. Investitionsmittel und politische Aufmerksamkeit sind begrenzt. Ein AKW-Projekt bindet über Jahrzehnte staatliche Garantien, Fachkräfte und regulatorischen Fokus. Private Investoren in Solar- und Windprojekte reagieren sensibel auf regulatorische Unsicherheiten und veränderte Förderprioritäten.

Die Studie hält fest: «Eine Energie- und Klimapolitik, die auf erneuerbare Energien und Gebäudesanierung setzt, ist nicht nur aus ökologischer, sondern auch aus beschäftigungspolitischer Sicht überlegen.» Das AKW-Neubauverbot «schütze nicht nur den Investitionspfad in erneuerbare Energien, sondern auch dezentrale Arbeitsplätze in der Schweiz».

Politischer Kontext

Das Kernenergie-Neubauverbot wurde 2018 im Kernenergiegesetz verankert, nachdem das Schweizer Volk 2017 mit 58 Prozent der Energiestrategie 2050 zugestimmt hatte. 2024 stimmte das Volk mit 68 Prozent dem Stromgesetz zu, das verbindliche Ausbauziele für erneuerbare Energien für 2035 und 2050 festlegt. Das Neubauverbot blieb dabei explizit erhalten.

Das Parlament hat das Verbot nun trotzdem aufgehoben. Umweltverbände haben das Referendum angekündigt, womit das Volk das letzte Wort haben wird. Die Volksinitiative «Jederzeit Strom für alle (Blackout stoppen)» verlangt zusätzlich, dass alle klimaschonenden Arten der Stromerzeugung zulässig sein sollen.

Einordnung: Studie als Beitrag zur Debatte

Die ZHAW-Studie ist ein nützlicher Beitrag zur Debatte, der eine bisher kaum diskutierte Dimension sichtbar macht. Gleichzeitig sollte die Auftragsgeberin SES bei der Gewichtung bedacht werden. Die Studie ist keine neutrale Kostenschätzung, sondern eine beschäftigungspolitische Analyse mit einer klar formulierten Schlussfolgerung.

Für eine vollständige Einschätzung lohnt sich der Quervergleich mit anderen Studien, darunter die ETH-PSI-Studie, die die wirtschaftlichen Bedingungen für neue AKW modelliert hat, sowie die Economiesuisse-Studie, die volkswirtschaftliche Vorteile eines AKW-Neubaus geltend macht.

Die Frage, ob das Referendum ergriffen wird und ob es zu einer Volksabstimmung kommt, wird der entscheidende nächste Schritt sein. Dann wird auch diese Studie ein Argument unter mehreren in einer intensiven Abstimmungskampagne sein.

Quelle: Müller D., Perot A., Stalder N., Rohrer J. (2026): «Technologieoffenheit» und Arbeitsplätze: Auswirkungen einer Aufhebung des AKW-Neubauverbots auf die Beschäftigung in der Schweiz. ZHAW, im Auftrag der Schweizerischen Energiestiftung SES. Veröffentlicht im SonntagsBlick, 19. Juli 2026. Weitere Quellen: watson.ch, Schweizer Bauer, Bluewin, nau.ch.