#70 [Journal] Published: 06.10.2026
Cover-Bild: Wasserverbrauch der Schweizer AKW: Was hinter dem Vergleich mit der Landwirtschaft steckt

Wasserverbrauch der Schweizer AKW: Was hinter dem Vergleich mit der Landwirtschaft steckt

Über 35 Mio. m³ Wasser verdunsten jährlich in Gösgen und Leibstadt. Wir haben nachgerechnet und ordnen den Vergleich mit der Landwirtschaft ein.

In der Schweiz verdunsten jedes Jahr über 35 Millionen Kubikmeter Wasser in den Kühltürmen der Kernkraftwerke Gösgen und Leibstadt (Greenpeace Schweiz, Bericht «Hitzewelle und Atomkraft: Wasser unter Hochspannung», September 2026). Das ist gleich viel oder mehr, als die gesamte Schweizer Landwirtschaft in einem trockenen Jahr für die Bewässerung braucht. Mit diesem Vergleich hat Greenpeace Schweiz Ende September 2026 einen eigenen Bericht lanciert, mitten in die Debatte über neue AKW. Die Zahl hält einer Nachrechnung stand. Der Vergleich braucht aber Einordnung: Was wird überhaupt gemessen, welche Anlagen haben bei Hitze tatsächlich ein Problem, und wie belastbar sind die Daten auf der Seite der Landwirtschaft? Hier die Fakten.

Entnahme oder Verbrauch: der Unterschied, der alles entscheidet

Wer über den Wasserverbrauch von AKW spricht, muss zwei Grössen auseinanderhalten. Die Schweizer Kernkraftwerke Gösgen und Leibstadt entnehmen Aare und Rhein zusammen fast 140 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr (Greenpeace Schweiz, September 2026). Davon verdunstet rund ein Viertel in den Kühltürmen, also über 35 Millionen Kubikmeter (Greenpeace Schweiz, September 2026). Der Rest fliesst in die Flüsse zurück.

Die Betreiberin des Kernkraftwerks Leibstadt beschreibt das gleiche Prinzip: Die Anlage entnimmt dem Rhein rund 2900 Liter pro Sekunde, führt den grössten Teil zurück und verliert nur den Verdunstungsanteil (Kernkraftwerk Leibstadt AG, zitiert in SRF, August 2026).

Für die Wasserbilanz eines Flusses zählt also die Verdunstung. Dieses Wasser steht flussabwärts nicht mehr zur Verfügung, weder für Trinkwasser noch für Bewässerung noch für die Natur. Der Vergleich mit der Landwirtschaft ist deshalb nur dann sauber, wenn er Verdunstung mit Bewässerungsverbrauch vergleicht. Genau das tut der Greenpeace-Bericht.

Gösgen nachgerechnet: Was die Kühlturmgebühr verrät

Eine unabhängige Kontrolle der Grössenordnung liefert der Kanton Solothurn. Das Kernkraftwerk Gösgen bezahlt dem Kanton eine Gebühr von 22 Rappen pro Kubikmeter Wasser, das im Kühlturm verdunstet, was im Durchschnitt rund 940'000 bis 1 Million Franken pro Quartal ergibt (Regierungsrat Kanton Solothurn, RRB Nr. 2026/390, März 2026).

Rechnet man zurück, verdunsten in Gösgen pro Quartal rund 4,3 bis 4,5 Millionen Kubikmeter, aufs Jahr gerechnet also etwa 17 bis 18 Millionen Kubikmeter (eigene Berechnung auf Basis Regierungsrat Kanton Solothurn, März 2026). Das passt zur Angabe von SRF, wonach im Gösgener Kühlturm 400 bis 700 Liter pro Sekunde verdampfen (SRF, Herbst 2025). Hochgerechnet ergibt das 12,6 bis 22 Millionen Kubikmeter pro Jahr (eigene Berechnung auf Basis SRF, 2025). Die Greenpeace-Zahl von über 35 Millionen Kubikmetern für beide Anlagen zusammen ist damit plausibel.

Setzt man die Verdunstung ins Verhältnis zur Produktion, wird es anschaulich: Gösgen erzeugt im Normalbetrieb rund 8 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr (nau.ch, März 2026). Pro Kilowattstunde verdunsten damit rechnerisch gut 2 Liter Wasser (eigene Berechnung auf Basis Regierungsrat Kanton Solothurn und nau.ch, 2026).

Inzwischen ist das Verdunsten teurer geworden: Der Solothurner Kantonsrat hat die Gebühr auf 30 Rappen pro Kubikmeter erhöht, was im Durchschnitt rund 1,2 bis 1,3 Millionen Franken pro Quartal entspricht (Regierungsrat Kanton Solothurn, März 2026). Ein Detail am Rand: Gösgen stand von Mai 2025 bis März 2026 still und verdunstete in dieser Zeit kein Kühlwasser (SRF, März 2026).

Landwirtschaft: Die Vergleichsgrösse ist eine Schätzung

Auf der anderen Seite der Rechnung steht eine Zahl, die deutlich unsicherer ist. Agroscope hat im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (BAFU) eine Modellmethode entwickelt, weil flächendeckende Daten zum landwirtschaftlichen Wasserverbrauch in der Schweiz fehlen (Agroscope, Agrarforschung Schweiz, September 2025). Das Ergebnis: In der Schweiz verbrauchte die Bewässerung im nassen Jahr 2021 rund 9,5 Millionen Kubikmeter, in den warm-trockenen Jahren 2022 und 2023 rund 41 respektive 31 Millionen Kubikmeter (Agroscope, September 2025).

Zwei Einschränkungen nennt Agroscope selbst: Für das nasse Jahr 2021 unterschätzt das Modell die tatsächliche Bewässerung erheblich, und die Praxisdaten streuen stark (Agroscope, September 2025). Eine ältere Erhebung des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) kam mit einer anderen Methode auf einen Bewässerungsbedarf von durchschnittlich 144 Millionen Kubikmetern pro Jahr in der Schweiz (BLW, Umfrage 2006, zitiert im Nationalen Forschungsprogramm NFP 61).

Die Aussage «mehr Wasser als die gesamte Landwirtschaft» stimmt also auf Basis der aktuellen Agroscope-Schätzung für nasse und durchschnittliche Jahre, in einem sehr trockenen Jahr wie 2022 liegen beide Grössen in derselben Bandbreite. Mit der älteren BLW-Zahl würde der Vergleich anders ausfallen. Der Trend ist dagegen klar: Ohne Klimaschutz steigt der Bewässerungsbedarf in der Schweiz bis Ende Jahrhundert um rund 21 Prozent, mit moderatem Klimaschutz um rund 6 Prozent (Agroscope, September 2025).

Kühlturm oder Flusswasser: Warum Beznau das eigentliche Hitzeproblem hat

Gösgen und Leibstadt sind keine Durchlaufkühler. Beide verfügen über Nasskühltürme, die die Abwärme an die Luft abgeben, während Beznau direkt mit Aarewasser gekühlt wird (Umwelttechnik Schweiz, 2009; SRF, Juni 2025). Daraus ergeben sich zwei unterschiedliche Risiken.

Beim Flusswasser-gekühlten Beznau ist die Temperatur der Engpass. Seit 2019 gilt in der Schweiz die Regel, dass Beznau vom Netz muss, wenn die Aare nach Einleitung des Kühlwassers an drei Tagen hintereinander wärmer als 25 Grad ist (SRF, Juni 2025). Ende Juni 2025 reduzierte Axpo die Leistung beider Blöcke auf rund 50 Prozent (Axpo, Medienmitteilung, 30. Juni 2025), im Juli 2025 wurden die Reaktoren vorübergehend abgeschaltet, und im Sommer 2026 wiederholte sich das Muster (Plattform J, Juli 2026).

Die Kühlturm-Anlagen sind dagegen kaum von der Flusstemperatur abhängig. Die Betreiberin von Leibstadt hält fest, dass das Werk seine Leistung noch nie wegen Wasserstand oder Wassertemperatur des Rheins drosseln musste (Kernkraftwerk Leibstadt AG, zitiert in SRF, August 2026). Der Kühlturm schützt den Fluss vor Erwärmung, der Preis dafür ist das verdunstete Wasser. Beide Kühlkonzepte haben also eine Wasserrechnung, nur in einer anderen Währung.

Zwei Lesarten in der politischen Debatte

Greenpeace Schweiz folgert aus dem Bericht, dass auch neue AKW auf grosse Wassermengen angewiesen wären und dass ihr Betrieb eine Lockerung des Gewässerschutzes erfordern würde (Greenpeace Schweiz, September 2026). Die Organisation verweist darauf, dass die Stimmbevölkerung in der Schweiz voraussichtlich 2027 über neue AKW entscheiden wird (Greenpeace Schweiz, September 2026).

Die Gegenseite hält die Aussagekraft für begrenzt. FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen bezeichnete den Bericht als «Empörungsstudie» und argumentierte, mögliche neue AKW wären deutlich effizienter als die bestehenden Anlagen (Bote der Urschweiz, September 2026).

Unbestritten ist ein technischer Punkt: Photovoltaik und Windkraft benötigen im Betrieb kein Kühlwasser, weil sie ohne thermischen Kreisprozess Strom erzeugen. Bei der Geothermie hängt es von der Nutzungsform ab. In der Schweiz wird Erdwärme bisher vor allem über Erdwärmesonden für Heizwärme und Warmwasser genutzt, die Stromproduktion aus Tiefengeothermie befindet sich dagegen noch in der Erprobung, etwa im Bedretto-Felslabor der ETH Zürich (BFE, Fachbeitrag Tiefengeothermie, 2021).

Die Wasserkraft ist ein Sonderfall: Sie verbraucht das Wasser nicht, ist aber vollständig von ihm abhängig. In der Schweiz liefert sie auf Basis der mittleren Produktionserwartung 58,5 Prozent der gesamten Stromerzeugung (BFE, Statistik der Wasserkraftanlagen der Schweiz, Stand 31. Dezember 2025). Genau hier verändert der Klimawandel das «Wasserschloss Schweiz». Mit dem Rückgang von Schnee und Gletschern fliesst im Sommer deutlich weniger Schmelzwasser in Bäche, Flüsse und Seen, und das Wasser wird wärmer (BAFU, Hydro-CH2018, März 2021). Ohne Klimaschutz führen die Schweizer Flüsse gegen Ende des Jahrhunderts im Winter im Schnitt rund 30 Prozent mehr und im Sommer rund 40 Prozent weniger Wasser als bisher (BAFU, Hydro-CH2018, März 2021). Für die Wasserkraft bedeutet das eine saisonale Verschiebung: Mehr Wasser im Winter erlaubt eine höhere Produktion in der nachfragestarken Jahreszeit, im Sommer erzeugen die Kraftwerke mit weniger Wasser weniger Strom (BAFU, Hydro-CH2018, März 2021).

Der Klimawandel trifft damit nicht eine einzelne Technologie, sondern das gesamte System: Geringere Sommerabflüsse betreffen die Wasserkraft, wärmere Flüsse die Flusswasserkühlung, und gleichzeitig steigt der Bewässerungsbedarf der Landwirtschaft. Welche Kombination von Produktionsarten diese Risiken am besten abfedert, hängt davon ab, wie man Versorgungssicherheit im Winter, Kosten und Gewässerschutz gegeneinander gewichtet. Das ist eine politische Abwägung, keine rein technische Frage.

Welche Lösungsansätze es gibt

Beim Wasserbedarf der Stromproduktion setzen die Lösungsansätze an vier Stellen an.

Kühltechnik: Neben der Flusswasserkühlung und dem Nasskühlturm gibt es die Trockenkühlung, bei der das warme Kühlwasser in geschlossenen Wärmetauscherrohren durch Luft gekühlt wird und kein Wasser verdunstet (Umwelttechnik Schweiz, 2009). Hybridkühltürme kombinieren Nass- und Trockenkühlung, und für die damals in der Schweiz neu projektierten Kernkraftwerke schlugen die Planungsgesellschaften genau solche Hybridkühltürme vor (Umwelttechnik Schweiz, 2009). Das Kühlkonzept ist damit eine der zentralen Stellschrauben für den Wasserbedarf jeder künftigen thermischen Anlage.

Preissignale: Der Kanton Solothurn erhebt bereits eine Gebühr auf das im Kühlturm von Gösgen verdunstete Wasser und hat sie von 22 auf 30 Rappen pro Kubikmeter erhöht (Regierungsrat Kanton Solothurn, März 2026). Die Einnahmen fliessen unter anderem in Wasserbau, Gewässerschutz und Wasserversorgung (Regierungsrat Kanton Solothurn, März 2026).

Datengrundlage: Agroscope bezeichnet genauere Informationen zu den bewässerten Kulturflächen in der Schweiz als entscheidend, um den Bewässerungsverbrauch zuverlässiger zu schätzen (Agroscope, September 2025). Ohne belastbare Verbrauchsdaten lassen sich Nutzungskonflikte zwischen Landwirtschaft, Energie und Natur kaum sachlich abwägen.

Produktionsmix: Photovoltaik und Windkraft kommen ohne Kühlwasser aus. Die Autorinnen und Autoren von Hydro-CH2018 nennen Solarstrom zudem als Möglichkeit, die sinkende sommerliche Wasserkraftproduktion in der Schweiz auszugleichen (BAFU, Hydro-CH2018, März 2021). Wie stark welche Massnahme gewichtet wird, bleibt eine Frage der energie- und gewässerpolitischen Prioritäten.

Fazit: Die Zahl stimmt, der Vergleich braucht Kontext

Drei Punkte bleiben hängen. Erstens: Entnahme ist nicht Verbrauch. Relevant sind die über 35 Millionen Kubikmeter, die in den Schweizer Kühltürmen von Gösgen und Leibstadt jährlich verdunsten, und diese Grössenordnung lässt sich über die Solothurner Gebührenabrechnung unabhängig bestätigen. Zweitens: Der Vergleich mit der Landwirtschaft hängt am Wetterjahr und an der Schätzmethode, weil die Schweiz ihren Bewässerungsverbrauch bisher nur modelliert und nicht flächendeckend misst. Drittens: Das akute Hitzerisiko betrifft heute das flussgekühlte Beznau, während Kühlturm-Anlagen Flusswärme gegen Verdunstung tauschen.

Für die anstehende Debatte über neue Kernkraftwerke heisst das: Kühlkonzept, Standort und Wasserbudget gehören in jede seriöse Bewertung, genauso wie Kosten, Winterstrom und CO₂. Wer mit Wasserzahlen argumentiert, sollte immer sagen, ob er Entnahme oder Verdunstung meint und welches Jahr als Vergleich dient.

Quellen: Greenpeace Schweiz, «Hitzewelle und Atomkraft: Wasser unter Hochspannung» und Medienmitteilung, 29. September 2026 (Auftraggeber und Herausgeber: Greenpeace Schweiz); Agroscope, «Wieviel Wasser braucht die Schweizer Landwirtschaft zur Bewässerung?», Agrarforschung Schweiz, 10. September 2025 (im Auftrag des BAFU); Regierungsrat Kanton Solothurn, RRB Nr. 2026/390, 3. März 2026; Axpo Holding AG, Medienmitteilung «Kernkraftwerk Beznau reduziert Leistung aufgrund hoher Aare-Wassertemperaturen», 30. Juni 2025; SRF, «AKWs kämpfen mit der Hitzewelle, aber nicht alle», August 2026; SRF, «Warmes Aare-Wasser: AKW Beznau drosselt Leistung um 50 Prozent», Juni 2025; SRF, «Kein Wasserdampf aus dem AKW Gösgen: gibt es nun weniger Nebel?», 2025; SRF, «AKW Gösgen startet nach zehn Monaten Pause», 23. März 2026; Plattform J, «Beznau produziert wieder Strom», 27. Juli 2026; nau.ch, «AKW Gösgen nimmt Betrieb wieder auf», März 2026; Bote der Urschweiz, «Greenpeace rückt Atomkraftwerke als Wasserverbraucher ins Zentrum», September 2026; BLW, «Stand der Bewässerung in der Schweiz», 2007, zitiert in SNF, NFP 61; BFE, Statistik der Wasserkraftanlagen der Schweiz, Stand 31. Dezember 2025; BAFU / National Centre for Climate Services (NCCS), «Hydro-CH2018: Hydrologische Grundlagen zum Klimawandel», 16. März 2021; BFE, Fachbeitrag «Geoenergie aus sicheren Felszonen» (Bedretto-Felslabor ETH Zürich), 2021; Umwelttechnik Schweiz, Ausgabe 6/2009.