NaREsys: Wie vernetzte Kleinspeicher Mieter ins Energiesystem holen
Batterien für Mieter ohne eigenes Dach: Das Projekt NaREsys testet in Borna über 100 vernetzte Kleinspeicher. Wir ordnen Technik, Nutzen und Hürden ein.
Stell dir vor, du wohnst im fünften Stock eines Mehrfamilienhauses in Zürich. Kein eigenes Dach, keine eigene Solaranlage, kein Platz für einen Heimspeicher im Keller. Bei der Energiewende schaust du bisher vor allem zu. Genau diese Lücke will das deutsche Forschungsprojekt NaREsys schliessen: mit steckerfertigen Batteriespeichern von rund 2 Kilowattstunden, die ohne bauliche Veränderungen in der Wohnung stehen und zu einem zentral gesteuerten Speicherschwarm zusammengeschaltet werden (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, September 2026). Klingt nach Powerbank fürs Wohnzimmer? Im Kern ja, nur mit direktem Draht zum Strommarkt.
Die Zielgruppe ist riesig. In Deutschland leben mehr als 22 Millionen Haushalte in Mehrfamilienhäusern (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, September 2026). In der Schweiz wohnten Ende 2024 rund 2,4 Millionen Haushalte, also 61 Prozent, in einer Miet- oder Genossenschaftswohnung (Bundesamt für Statistik, Stand Ende 2024). Hier erfährst du, wie das System funktioniert, was es realistisch bringen kann und was bei einer Übertragung in die Schweiz zu beachten ist.
Was hinter NaREsys steckt
NaREsys steht für «Nationale Resilienz für das Energiesystem». Die Konsortialführung hat die Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg unter Prof. Dr.-Ing. Stefan Dickmann, und zwar im Auftrag des deutschen Bundesministeriums der Verteidigung. Das Projekt ist in Deutschland mit 13 Millionen Euro aus Bundesmitteln gefördert (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, September 2026) und läuft vom 1. März 2026 bis zum 28. Februar 2029 (photovoltaik.sh, September 2026). Der Auftraggeber erklärt auch den Fokus: Es geht nicht nur um günstigeren Strom, sondern ausdrücklich um die Krisenfestigkeit des Energiesystems.
Wichtig für das Verständnis: NaREsys zielt auf Mieterinnen und Mieter in Mehrfamilienhäusern ohne eigene Erzeugungsanlage. Für genau diese Gruppe fehlen in Deutschland bisher passende Angebote, während Einfamilienhausbesitzer längst Dach-PV mit Heimspeicher kombinieren (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, September 2026). Es geht also nicht primär darum, Solarstrom vom eigenen Dach besser zu nutzen, sondern darum, Flexibilität aus vielen kleinen Speichern zu bündeln.
Im Konsortium sitzen unter anderem das FZI Forschungszentrum Informatik (Algorithmen und Sicherheitsarchitektur), Navimatix (Plattform und Schnittstellen), InnoCharge (energiewirtschaftliche Optimierung), ExaMesh (Speicherhardware und IoT-Betrieb), die Kanzlei Becker Büttner Held, der IT-Sicherheitsanbieter DriveLock sowie die Städtischen Werke Borna als Betreiber des Reallabors (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, September 2026). Mit exnaton ist zudem ein Schweizer Unternehmen an Bord: Das 2020 gegründete Spin-off der ETH Zürich (exnaton, ElCom-Forum, November 2024) verantwortet Tarifgestaltung, Abrechnung und Geschäftsmodell (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, September 2026).
Wie der Speicherschwarm technisch funktioniert
Der Moment, wo's klick macht: Ein einzelner 2-kWh-Speicher ist für das Netz bedeutungslos. Interessant wird er erst im Verbund. Die Steuerung verarbeitet Preissignale des Strommarkts, Informationen zum Netzzustand, Messdaten der einzelnen Speicher sowie Last- und Erzeugungsprognosen und leitet daraus automatisiert Fahrpläne für Beschaffung, Vermarktung und Flexibilität ab (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, September 2026).
Im sächsischen Borna soll ein Reallabor mit über 100 Speichern die gesamte Kette testen: Installation, Anbindung, Betrieb unter realen Markt- und Netzbedingungen, Handel am kontinuierlichen Intraday-Markt und die Abrechnung gegenüber Versorgern und Endkunden (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, September 2026). Zum Grössenvergleich: 100 Speicher mit je 2 Kilowattstunden ergeben rund 200 Kilowattstunden verteilte Kapazität (eigene Rechnung auf Basis der Angaben der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg). Das ist ein Testfeld, kein Kraftwerk, aber genau die Grössenordnung, in der sich Steuerung, Kommunikation und Abrechnung sauber prüfen lassen.
Für Netzbetreiber soll der Schwarm helfen, Engpässe und Lastspitzen im Niederspannungsnetz zu entschärfen und damit Zeit für den Netzausbau zu gewinnen. Dazu kommt der Dual-Use-Ansatz: Bei einem Stromausfall sollen die Speicher kleine Verbraucher wie Mobiltelefone oder Radios versorgen, und das System soll auch ohne permanente Verbindung zur Leitstelle handlungsfähig bleiben (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, September 2026).
Weil die Speicher damit Teil kritischer Infrastruktur werden, setzt das Projekt auf Zero-Trust-Konzepte, gehärtete Edge-Knoten und Anomalie-Erkennung im Netzwerkverkehr (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, September 2026). Aus Praxissicht ist das kein Nebenschauplatz: Tausende fernsteuerbare Lasten in Wohnungen sind ein Angriffsziel, das bei jeder Skalierung mitgedacht werden muss.
Was bringt das den Bewohnern wirklich?
Hier lohnt sich ein nüchterner Blick. Die Projektpartner stellen Mietern geringere Energiekosten in Aussicht, indem Versorger den Mehrwert aus dem optimierten Handel über dynamische Stromtarife weitergeben (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, September 2026). Konkrete Einsparungen pro Haushalt sind bisher nicht veröffentlicht (Stand September 2026).
Die Physik setzt klare Grenzen. Ein Speicher mit 2 Kilowattstunden kann bei einem vollen Zyklus pro Tag höchstens rund 730 Kilowattstunden pro Jahr zeitlich verschieben (eigene Rechnung, ohne Wirkungsgradverluste). Ein typischer Schweizer Haushalt verbraucht nach ElCom-Profil H4 rund 4500 Kilowattstunden pro Jahr (ElCom, September 2026). Maximal rund 16 Prozent des Verbrauchs liessen sich also verlagern (eigene Rechnung).
Was diese Verschiebung wert ist, hängt am Preisunterschied über den Tag. In Deutschland müssen Stromlieferanten dynamische Tarife anbieten (§ 41a Energiewirtschaftsgesetz, Deutschland). In der Schweiz zahlt ein typischer Haushalt in der Grundversorgung 2026 im Median 27,7 Rappen pro Kilowattstunde und 2027 voraussichtlich 26,5 Rappen (ElCom, September 2025 und September 2026). Mit einem solchen weitgehend festen Tarif bleibt für die einzelne Mietpartei wenig Arbitrage übrig. Der wirtschaftliche Motor von NaREsys ist deshalb die gebündelte Flexibilität, die der Versorger vermarktet, nicht die Ersparnis am einzelnen Zähler.
Übertragbarkeit auf die Schweiz: Wo es passt und wo es hakt
Regulatorisch hat die Schweiz aufgeholt. Zusammenschlüsse zum Eigenverbrauch (ZEV) sind seit 2018 möglich, virtuelle ZEV seit Anfang 2025 und lokale Elektrizitätsgemeinschaften (LEG) seit dem 1. Januar 2026 (EKZ, 2025). In einer LEG können sich Endverbraucher, Produzenten und Speicherbetreiber zusammenschliessen (EKZ, 2026), auch Mietparteien dürfen teilnehmen (BKW, 2026). Für den intern geteilten Strom reduziert sich das Netznutzungsentgelt um 40 Prozent innerhalb der Netzebene 7 und um 20 Prozent innerhalb der Netzebene 5 (enpuls, 2026). Die LEG ist allerdings auf den Austausch lokal erzeugter Elektrizität ausgelegt. Ein Schwarm, der primär am Intraday-Markt handelt, ist damit noch nicht abgebildet.
Bei der Hardware wird es handfest. Die deutschen Module sind für die Schuko-Steckdose konzipiert (photovoltaik.sh, September 2026), in der Schweiz gilt der Steckdosenstandard SEV 1011. Für steckerfertige PV-Anlagen, zu denen die ESTI auch ein allfälliges Batteriemodul zählt, sind in der Schweiz pro Bezügerleitung gesamthaft maximal 600 Watt AC-Nennleistung an Endstromkreisen mit 10 oder 13 Ampere Absicherung zulässig (ESTI, Mitteilung Plug-&-Play-PV-Anlagen). Wie ein netzgeladener Wohnungsspeicher ohne PV einzuordnen ist, muss vor jedem Pilot mit ESTI und Netzbetreiber geklärt werden. Aus Installateurssicht gilt: Widerstand zwecklos, aber nur, solange der Endstromkreis thermisch nicht überlastet wird.
Als Pioniere bieten sich gemeinnützige Wohnbauträger an. Ihr Anteil am Wohnungsbestand liegt in der Schweiz bei rund 4 Prozent, in der Stadt Zürich bei über 20 Prozent (Bundesamt für Wohnungswesen, 2024). Dort sind viele Wohnungen in einer Hand, Entscheide werden kollektiv getragen, und die Mieterschaft ist oft langfristig eingebunden.
Die offenen Baustellen im DACH-Raum
In Deutschland erwarten die Projektpartner Anpassungsbedarf beim regulatorischen Rahmen, insbesondere bei der 4,2-kW-Grenze für die Netzentgeltreduzierung nach § 14a EnWG. Das FZI will Erkenntnisse dazu in Gremien wie den VDE FNN einbringen (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, September 2026). In Österreich bietet das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz von 2021 mit den Energiegemeinschaften einen Rahmen für gemeinschaftliche Modelle, der für vernetzte Wohnungsspeicher ebenfalls erst geprüft werden müsste.
Dazu kommen Fragen, die alle drei Länder gleichermassen betreffen. Vernetzte Speicher erzeugen detaillierte Verbrauchsprofile, der Datenschutz muss also von Anfang an sauber gelöst sein. Die Wirtschaftlichkeit hängt davon ab, ob Flexibilitätserlöse die Kosten für Hardware, Kommunikation und Abrechnung decken, belastbare Zahlen dazu soll erst das Reallabor liefern. Und schliesslich die Akzeptanz: Wer eine Batterie in die Wohnung stellt, will verstehen, wer sie wann steuert und was dabei für ihn herausspringt.
Fazit: Kleine Speicher, grosse Frage
Drei Punkte bleiben hängen. Erstens: NaREsys adressiert eine echte Lücke, nämlich Mieter ohne eigene Erzeugungsanlage, und das ist in der Schweiz mit 61 Prozent Miet- und Genossenschaftshaushalten (Bundesamt für Statistik, Stand Ende 2024) die Mehrheit. Zweitens: Der Nutzen entsteht im Schwarm und über dynamische Tarife, nicht im einzelnen 2-kWh-Gerät. Drittens: Für die Schweiz sind Steckerstandard, ESTI-Vorgaben und die Einordnung in LEG oder Tarifmodelle die entscheidenden Hürden.
So gehst du's an: Wer als Energieversorger, Genossenschaft oder Verwaltung einsteigen will, verfolgt die Ergebnisse aus Borna bis zum Projektende im Februar 2029, klärt technische Zulässigkeit früh mit ESTI und Netzbetreiber, prüft vorhandene Smart-Meter- und Abrechnungsinfrastruktur und rechnet den Business Case mit echten Tarifdaten statt mit Hoffnungswerten. Volle Ladung Potenzial ist da. Ob es sich auszahlt, entscheidet die Umsetzung.
Quellen: Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg, Medienmitteilung NaREsys, 18. September 2026; photovoltaik.sh, NaREsys als steuerbarer Schwarm, September 2026; Bundesamt für Statistik (BFS), Mietwohnungen, Stand Ende 2024; ElCom, Medienmitteilung Strompreise 2026, 9. September 2025; ElCom, Medienmitteilung Strompreise 2027, 8. September 2026; exnaton AG, Präsentation ElCom-Forum, 15. November 2024; EKZ, ZEV, vZEV und LEG kurz erklärt, Februar 2025; EKZ, Lokale Elektrizitätsgemeinschaft, 2026; BKW, Lokale Elektrizitätsgemeinschaft, 2026; enpuls, LEG Lokale Elektrizitätsgemeinschaften, 2026; ESTI, Mitteilung Plug-&-Play-Photovoltaikanlagen; Bundesamt für Wohnungswesen (BWO), Der Wohnungsmarkt auf einen Blick 4/2024; Energiewirtschaftsgesetz (EnWG), § 14a und § 41a, Deutschland; Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG), Österreich, 2021.