#72 [Journal] Published: 13.10.2026
Cover-Bild: Gletscherschmelze 2026: Was der Eisverlust für Wasserkraft und Energiewende bedeutet

Gletscherschmelze 2026: Was der Eisverlust für Wasserkraft und Energiewende bedeutet

Fast 20 Prozent Eisverlust in fünf Jahren: Die Gletscherbilanz 2026 zeigt, wie stark die Schweizer Wasserkraft vom Klima abhängt und was im Eigenheim wirkt.

Gletscherschmelze 2026: Was der Eisverlust für Wasserkraft und Energiewende bedeutet

Stell dir vor, du stehst im September auf dem Claridenfirn im Kanton Glarus und suchst Schnee. Du findest keinen: Der Gletscher war im September 2026 vollständig schneefrei (ETH Zürich, Oktober 2026). Für die Schweizer Gletscher war 2026 erneut ein verheerendes Jahr. In der Schweiz verloren sie mehr als 5 Prozent ihres Eisvolumens (GLAMOS/SCNAT, Oktober 2026), und allein in den letzten fünf Jahren schrumpfte das Eisvolumen in der Schweiz um fast 20 Prozent (GLAMOS/SCNAT, Oktober 2026). Das ist kein abstraktes Klimaproblem. Es betrifft direkt das Rückgrat der Schweizer Stromversorgung: die Wasserkraft. Hier wird's spannend, denn an der Schnittstelle zwischen Eis, Wasser und Strom entscheidet sich, wie robust unser Energiesystem in Zukunft ist. Was die Zahlen wirklich zeigen, was sie für die Wasserkraft bedeuten und welche Massnahmen im Eigenheim in der Praxis wirken, liest du hier.

Gletscherbilanz 2026: Was die Zahlen wirklich zeigen

Die Messdaten des Schweizerischen Gletschermessnetzes GLAMOS und der Schweizerischen Kommission für Kryosphärenbeobachtung der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT) zeichnen ein klares Bild. In der Schweiz nahm die Eisdicke einzelner Gletscher 2026 zwischen 2,5 und 4 Metern ab, auf einigen Gletscherzungen sogar um bis zu 10 Meter (ETH Zürich, Oktober 2026). Den Negativrekord hält weiterhin das Jahr 2022 mit einem Volumenverlust von 6 Prozent, 2023 folgten weitere 4 Prozent (SCNAT, September 2023). Das Jahr 2026 reiht sich knapp hinter dem Rekordjahr 2022 ein (ETH Zürich, Oktober 2026). Zwischen 2022 und 2026 lag der jährliche Volumenrückgang in der Schweiz je zwischen 2,3 und 5,9 Prozent (MeteoSchweiz, Oktober 2026).

Zwei Faktoren wirkten zusammen. Der Winter 2025/26 zählte zu den zehn schneeärmsten Wintern der Schweiz seit Messbeginn (ETH Zürich, Oktober 2026). Damit fehlte die Schneedecke, die das Eis normalerweise bis in den Spätsommer abschirmt. Dazu kam die Hitze: Die Monate Juni bis August 2026 waren in der Schweiz die heissesten seit Messbeginn und lösten den Hitzesommer 2003 als Rekordhalter ab (MeteoSchweiz, Oktober 2026). Die Nullgradgrenze stieg in der Schweiz an 76 Tagen über 4'000 Meter, mehr als doppelt so oft wie im Mittel und ein Schweizer Rekordwert (ETH Zürich, Oktober 2026).

Und wie viel Wasser ist das? Zwischen Juli und September 2026 verloren die Schweizer Gletscher rund 2'200 Milliarden Liter Wasser, mehr als das Vierfache des jährlichen Trinkwasserverbrauchs aller Schweizer Haushalte (ETH Zürich, Oktober 2026). Einige kleinere Gletscher sind bereits ganz verschwunden, darunter der Bella-Tola-Gletscher im Wallis und der Griessfirn im Kanton Glarus (ETH Zürich, Oktober 2026).

Gletscher als Klimaindikator: Warum die Alpen schneller warm werden

Gletscher sind präzise Messinstrumente. Sie reagieren empfindlich auf steigende Temperaturen und machen sichtbar, was Thermometer nur als Kurve zeigen. Die Daten von MeteoSchweiz erklären, warum es die Alpen besonders hart trifft: In der Schweiz betrug die beobachtete Erwärmung gegenüber der vorindustriellen Zeit bis 2024 etwa 2,9 Grad Celsius, während die globalen Temperaturen aktuell 1,3 bis 1,4 Grad über dem vorindustriellen Niveau liegen (MeteoSchweiz, abgerufen Oktober 2026). Die Schweiz erwärmt sich also rund doppelt so stark wie der globale Durchschnitt.

Auch in Österreich zeigt sich der Trend deutlich. Die 79 in beiden Jahren vermessenen österreichischen Gletscher zogen sich im Messjahr 2024/25 im Mittel um 20,3 Meter zurück (Österreichischer Alpenverein, Gletscherbericht 2024/25). Die rund 900 Gletscher in Österreich bedecken noch eine Fläche von 286 Quadratkilometern, zehn Jahre zuvor waren es 328 Quadratkilometer (Österreichischer Alpenverein, Gletscherbericht 2024/25). Wichtig für den Vergleich: Die Schweizer Bilanz beschreibt den Volumenverlust, der österreichische Bericht die Längenänderung der Gletscherzungen. Die Zahlen lassen sich deshalb nicht direkt gegeneinander rechnen, die Richtung ist aber dieselbe.

Was die Gletscherschmelze für die Wasserkraft bedeutet

In der Schweiz stammten 2025 55,5 Prozent der Stromproduktion aus Wasserkraftwerken (BFE, Juni 2026). Auf Basis der mittleren Produktionserwartung liegt der Anteil der Wasserkraft in der Schweiz bei 58,5 Prozent, rund 58,2 Prozent dieser erwarteten Produktion fallen ins Sommerhalbjahr (BFE, Statistik der Wasserkraftanlagen, Stand 31. Dezember 2025). Genau in dieser Jahreshälfte wirkt die Gletscherschmelze.

Kurzfristig liefert die Schmelze zusätzliches Wasser und dämpft sommerliche Wasserknappheit. Dieser Effekt nimmt mit der schwindenden Eisfläche aber zunehmend ab (ETH Zürich, Oktober 2026). Langfristig verschiebt sich das ganze Abflussregime: Ohne Klimaschutzmassnahmen führen die Schweizer Flüsse gegen Ende des Jahrhunderts im Winter im Schnitt 30 Prozent mehr Wasser, im Sommer aber 40 Prozent weniger als bisher (BAFU, Hydro-CH2018, 2021). Mehr Winterwasser hilft bei der Winterproduktion, im Sommer erzeugen die Kraftwerke dagegen weniger Strom. Die Autoren von Hydro-CH2018 nennen Solarstrom als Alternative für diese Lücke.

Dass die Zuflüsse schon heute zählen, zeigt die Statistik. Die mittlere Produktionserwartung der Schweizer Wasserkraft sank 2025 um 188 Gigawattstunden auf 37'162 Gigawattstunden pro Jahr. Das BFE führte den Rückgang in erster Linie auf niedrige Zuflüsse und Datenaktualisierungen zurück, zudem waren zwei Zentralen im Wallis nach dem Unwetter von 2024 weiterhin ausser Betrieb (BFE, Statistik der Wasserkraftanlagen, Stand 31. Dezember 2025). Hinzu kommen Naturgefahren: Laut Hydro-CH2018 treten Hochwasser und Rutschungen häufiger auf (BAFU, Hydro-CH2018, 2021).

Energiewende im Eigenheim: Was in der Praxis wirklich wirkt

Die Sommerlücke der Wasserkraft wird grösser, und genau dort produziert Photovoltaik am meisten. Im Schweizer Mittelland liefert 1 kWp Modulleistung rund 1'000 kWh pro Jahr (Kanton Aargau, Energieberatung, 2017). Eine 10-kWp-Anlage auf einem Einfamilienhaus in der Schweiz kommt damit rechnerisch auf rund 10'000 kWh pro Jahr. Schweizweit deckte Photovoltaik 2025 bereits 11,8 Prozent der Stromproduktion (BFE, Juni 2026).

Beim Batteriespeicher lohnt der Blick auf echte Messdaten statt auf Prospekte. In einem Pilotprojekt des Kantons Zürich stieg der Eigenverbrauchsgrad eines Reiheneinfamilienhauses mit 3,75-kWp-Anlage durch eine 5,5-kWh-Batterie von 30,2 auf 62,8 Prozent. Die Verdoppelung auf 11 kWh brachte mit 64,7 Prozent keine relevante Verbesserung mehr (Kanton Zürich, Pilotprojekt FlexData). Der Moment, wo's klick macht: Grösser ist nicht automatisch besser. Der Speicher muss zum Lastprofil passen, nicht zur Dachfläche.

Bei der Wärmepumpe heisst die entscheidende Kennzahl Jahresarbeitszahl (JAZ), nicht Wirkungsgrad. In Feldmessungen in der Schweiz erreichten Luft/Wasser-Wärmepumpen in der Heizsaison 2019/20 eine durchschnittliche JAZ von 3,3, mit einer Spannweite von 3,0 bis 4,1, Sole/Wasser-Wärmepumpen kamen im Schnitt auf 4,2 (OST im Auftrag von EnergieSchweiz, September 2020). Aus einer Kilowattstunde Strom werden also gut drei bis vier Kilowattstunden Wärme. Ein typischer Fehler: überdimensionierte Anlagen. Bereits die Feldanalyse FAWA im Auftrag des BFE empfahl, bei Sole/Wasser-Wärmepumpen auf Sicherheitszuschläge in der Auslegung zu verzichten (BFE, FAWA-Schlussbericht, April 2004). Dazu gehört auch eine möglichst tief eingestellte Heizkurve.

Und die Gebäudehülle? In der Schweiz verursacht der Gebäudepark rund 40 Prozent des Energieverbrauchs und ein Drittel der CO2-Emissionen (Kanton Aargau, 2026). Eine gute Dämmung senkt den Heizbedarf und hilft gleichzeitig, das Haus in Hitzesommern kühler zu halten.

Förderprogramme: Was in der Schweiz gilt und worauf du achten musst

Das Gebäudeprogramm von Bund und Kantonen fördert in der Schweiz Massnahmen an der Gebäudehülle, den Ersatz fossiler Heizungen sowie Sanierungen nach Minergie-Standard. Finanziert wird es über die CO2-Abgabe auf fossile Energieträger und Beiträge der Kantone (Kanton Aargau, Förderprogramm, Mai 2026). Der wichtigste Praxis-Tipp: Das Gesuch muss vor Baubeginn eingereicht werden, sonst besteht kein Anspruch auf Förderung (Kanton Aargau, Förderprogramm, Mai 2026).

Die Bedingungen unterscheiden sich von Kanton zu Kanton. Im Kanton Aargau wird eine Wärmepumpe seit dem 1. Mai 2026 in einem Verbundgebiet grundsätzlich nicht mehr gefördert, mit definierten Ausnahmen (Kanton Aargau, Mai 2026). Für Photovoltaik kommt in der Schweiz die Einmalvergütung für kleine Anlagen (KLEIV) dazu, die maximal 30 Prozent der Investitionskosten von Referenzanlagen beträgt (BFE, Einmalvergütung und Boni). Das Gesuch wird nach der Inbetriebnahme über das Kundenportal von Pronovo eingereicht.

In Deutschland und Österreich gelten eigene nationale Förderprogramme mit eigenen Bedingungen. Vor der Auftragsvergabe lohnt sich dort der Blick auf den aktuellen Stand bei den zuständigen Stellen.

Fazit: Das Eis schmilzt, die Werkzeuge sind da

Drei Punkte bleiben hängen. Erstens: Der Eisverlust von mehr als 5 Prozent in der Schweiz im Jahr 2026 ist kein Ausreisser, sondern Teil eines Trends von fast 20 Prozent in fünf Jahren (GLAMOS/SCNAT, Oktober 2026). Zweitens: Die Wasserkraft verliert langfristig vor allem im Sommer, und genau diese Lücke kann Solarstrom füllen. Drittens: Im Eigenheim entscheidet die richtige Dimensionierung über den Nutzen, nicht die maximale Grösse.

So gehst du's an: Zuerst Verbrauch und Dachfläche analysieren, dann die Photovoltaik planen. Den Speicher nach dem Lastprofil auslegen, nicht nach dem Prospekt. Bei der Wärmepumpe auf eine tiefe Vorlauftemperatur und eine saubere Auslegung achten. Und alle Fördergesuche einreichen, bevor die Bagger kommen. Die Energiewende beginnt nicht in Bundesbern oder Brüssel. Sie beginnt auf deinem Dach und in deinem Heizungsraum.

Quellen: GLAMOS/SCNAT, Medienmitteilung «Die Schweizer Gletscher verlieren weitere fünf Prozent ihres Volumens», 1. Oktober 2026; Huss M., Bauder A., Linsbauer A., Barandun M., «GLAMOS 2026 Annual mass balance on Swiss glaciers in 2025/2026», 1. Oktober 2026; ETH Zürich, «Ein verheerendes Jahr für die Schweizer Gletscher», 1. Oktober 2026; MeteoSchweiz, «Die Schweizer Gletscher sind 2026 erneut markant geschmolzen», Oktober 2026; MeteoSchweiz, «Steigende Temperaturen», abgerufen Oktober 2026; SCNAT, Schweizerische Kommission für Kryosphärenbeobachtung, Gletscherbilanz 2023, 28. September 2023; Österreichischer Alpenverein, Gletschermessdienst, Gletscherbericht 2024/25, 2026; BFE, Medienmitteilung «Energieverbrauch 2025 leicht gestiegen», 18. Juni 2026; BFE, Statistik der Wasserkraftanlagen der Schweiz, Stand 31. Dezember 2025; BAFU/MeteoSchweiz/NCCS, «Schweizer Gewässer im Klimawandel», Hydrologische Szenarien Hydro-CH2018, 2021; Kanton Aargau, Energieberatung, «Selber Solarstrom produzieren und nutzen», März 2017; Kanton Zürich, Pilotprojekt FlexData, «Batteriespeicher für ein Reiheneinfamilienhaus mit Photovoltaik»; OST im Auftrag von EnergieSchweiz, «Feldmessungen von Wärmepumpen-Anlagen Heizsaison 2019/20», 30. September 2020; BFE, Feldanalyse von Wärmepumpenanlagen FAWA 1996 bis 2003, Schlussbericht, April 2004; BFE, Merkblatt Einmalvergütung und Boni für Photovoltaikanlagen; Kanton Aargau, Förderprogramm Energie (Gebäudeprogramm), Mai 2026.