Kleinwasserkraft im Klimawandel: Was der Trockensommer 2026 für die Schweiz bedeutet
Trockensommer 2026: Ausleit- und Durchlaufkraftwerke verloren über ein Viertel ihrer Produktion. Wie Modernisierung und Förderung die Kleinwasserkraft stärken.
Wenn Bäche im Spätsommer nur noch ein Rinnsal führen, laufen viele Kleinwasserkraftwerke im Schwachlastbetrieb oder stehen ganz still. Der Sommer 2026 hat das eindrücklich gezeigt. In der Schweiz produzierten die 1'367 im Herkunftsnachweissystem erfassten Kleinwasserkraftwerke im September 2026 rund 151 GWh Strom, rund 41 GWh weniger als im August (Swiss Small Hydro auf Basis provisorischer Pronovo-Daten, 26. Oktober 2026). In Österreich mussten im Inn- und im Waldviertel erste Anlagen wegen der Trockenheit komplett abgeschaltet werden (APA/Salzburg24, 29. Juli 2026). Dazu kommen strengere Auflagen bei Restwasser und Fischgängigkeit. Die Kleinwasserkraft im Klimawandel steht damit unter doppeltem Druck, die aktuellen Daten zeigen aber auch, wo Modernisierung und Förderung ansetzen können.
Warum die Kleinwasserkraft für die Schweiz zählt
In der Schweiz sind über 1'458 Kleinwasserkraftwerke bis 10 MW mit einer Gesamtleistung von rund 1'000 MW in Betrieb, die im Mittel etwa 4'230 GWh pro Jahr erzeugen (Swiss Small Hydro, Factsheet Kleinwasserkraft, Stand 1. Januar 2025). Das entspricht dem Verbrauch von gut 1,2 Millionen Schweizer Haushalten bei 4'500 kWh pro Haushalt und Jahr (Swiss Small Hydro, Factsheet 2025). Nach der Grosswasserkraft und der Photovoltaik ist die Kleinwasserkraft damit die drittgrösste erneuerbare Stromquelle der Schweiz, ihr Potenzial wird heute zu etwa 75 Prozent genutzt (Swiss Small Hydro, Factsheet 2025).
Dazu kommt die Qualität: Kleinwasserkraftwerke speisen dezentral ein, produzieren rund um die Uhr und stützen die Verteilnetze, gerade im Winterhalbjahr, wenn Photovoltaik deutlich weniger liefert.
Im übrigen DACH-Raum spielt die Kleinwasserkraft eine ähnliche Rolle. In Österreich zählt der Branchenverband annähernd 4'100 Anlagen mit rund 7 TWh Jahresproduktion, was etwa 10 Prozent der heimischen Stromerzeugung entspricht (Kleinwasserkraft Österreich, Verbandspräsentation 2025). In Deutschland waren zwischen 7'300 und 7'600 Wasserkraftanlagen in Betrieb (Umweltbundesamt, 2012), allein in Bayern waren rund 3'500 Anlagen installiert (DBFZ, Steckbrief Laufwasserkraft, Oktober 2022).
Trockensommer 2026: Was die Pronovo-Daten zeigen
Seit August 2026 veröffentlicht Pronovo detaillierte Produktionsdaten der Schweizer Kleinwasserkraft aus dem Herkunftsnachweissystem, in dem bis auf wenige Ausnahmen alle Anlagen erfasst sind (Swiss Small Hydro, 26. Oktober 2026). Die Septemberzahlen sind deutlich: Die Produktion fiel in der Schweiz von rund 193 GWh im August auf rund 151 GWh, ein Rückgang von gut einem Fünftel (eigene Berechnung auf Basis Swiss Small Hydro/Pronovo, Oktober 2026). Der Kapazitätsfaktor sank bei einer installierten Gesamtleistung von 1,02 GW auf 20,4 Prozent und lag damit 4,8 Prozentpunkte unter dem Vormonat (Swiss Small Hydro, Oktober 2026).
Aufschlussreich ist der Blick auf die Anlagentypen. Ausleitkraftwerke produzierten im September rund 65,8 GWh statt 90,5 GWh, Durchlaufkraftwerke rund 42,2 GWh statt 59,0 GWh (Swiss Small Hydro/Pronovo, Oktober 2026). Beide Typen verloren damit mehr als ein Viertel ihrer Produktion gegenüber dem August (eigene Berechnung auf Basis Swiss Small Hydro/Pronovo, Oktober 2026). Trinkwasserkraftwerke legten dagegen von 13,5 auf 14,3 GWh zu, Speicherkraftwerke von 14,2 auf 15,3 GWh (Swiss Small Hydro/Pronovo, Oktober 2026). Die Lehre daraus: Wer ohne Speicher direkt vom natürlichen Abfluss abhängt, trägt das Trockenheitsrisiko voll. Wer einen Puffer hat oder Wasser aus einem anderen System nutzt, bleibt stabil.
Für Oktober erwartete Swiss Small Hydro eine Trendwende. Die Daten sind provisorisch, ein erstes vollständig erfasstes Quartal wird erst im Januar 2027 vorliegen (Swiss Small Hydro, Oktober 2026).
Was der Klimawandel langfristig verändert
Ein einzelner Trockensommer ist noch kein Trend. Die hydrologischen Szenarien des Bundes zeigen aber, wohin sich die Abflüsse in der Schweiz verschieben. Ohne Klimaschutzmassnahmen werden die Winterabflüsse bis Ende des Jahrhunderts um 10 bis 50 Prozent zunehmen, während die Abflüsse im Sommer und Herbst um 30 bis 50 Prozent zurückgehen (BAFU, «Abflüsse im Wandel», Hydro-CH2018, Mai 2026). Die gesamte Jahresmenge dürfte dabei nur um rund 10 Prozent sinken (BAFU, Hydro-CH2018, Mai 2026).
Für Laufwasserkraftwerke ist das eine doppelte Botschaft. Niedrigwasser im Spätsommer wird vom Ausnahme- zum Planungsfall. Gleichzeitig steigt das Wasserdargebot im Winter, also genau dann, wenn Strom am wertvollsten ist. Wer eine Anlage heute erneuert, sollte Ausbauwassermenge und Turbinenauslegung deshalb auf das künftige Abflussregime ausrichten und nicht auf das Mittel der Vergangenheit.
Wie stark Trockenheit zuschlagen kann, zeigte sich 2026 auch in Österreich. Am Flughafen Salzburg fielen bis Mitte Juli lediglich 321 Millimeter Niederschlag statt der im langjährigen Mittel üblichen 625 Millimeter (GeoSphere Austria, zitiert nach Salzburg24, 4. August 2026). Die 466 Salzburger Kleinwasserkraftwerke produzierten teilweise nur noch die Hälfte ihrer üblichen Strommenge (Salzburg24, 4. August 2026).
Restwasser und Ökologie: Der zweite Druckfaktor
In der Schweiz müssen die meisten Wasserkraftwerke spätestens bei der Konzessionserneuerung die Restwasserbestimmungen nach Art. 31 des Gewässerschutzgesetzes vollumfänglich erfüllen (Swiss Small Hydro, 13. August 2026). Dazu kommen die Sanierungspflichten bei Schwall und Sunk, Geschiebehaushalt und Fischgängigkeit. Hier gibt es einen Unterschied, der in der Debatte oft untergeht: Die Kosten dieser drei Sanierungsbereiche werden den Kraftwerksbetreibern vollständig über die nationale Netzgesellschaft Swissgrid aus dem Netzzuschlag entschädigt (BAFU, Vollzugshilfe Finanzierung der Sanierungsmassnahmen, 2016). Produktionseinbussen durch höhere Restwassermengen deckt diese Entschädigung nicht ab, sie wirken direkt auf den Ertrag.
Wie gross die Restwassereffekte sind, ist umstritten. Eine Studie von WSL, Universität Bern und Eawag im Rahmen der Joint Initiative SPEED2ZERO untersuchte 252 grössere Wasserkraftanlagen über 3 MW. Sie kam zum Schluss, dass die jährliche Produktion seit 1992 um 1,13 TWh sank, davon 70 Prozent im Winter, und erwartet bis 2050 je nach Auslegung einen weiteren Rückgang von 484 bis 725 GWh (WSL/Universität Bern/Eawag, 24. Februar 2026). Die vom Branchenverband Hydrosuisse gemeinsam mit der Axpo Power AG erarbeitete Studie kommt je nach Szenario auf 1,47 bis 5,82 TWh weniger Produktion bis 2050 (Hydrosuisse, Journal 2-2026, Juni 2026).
Diese Zahlen betreffen vor allem die Grosswasserkraft, haben aber direkte Folgen für die Kleinen. Je nach Studie braucht die Schweiz 2,6 bis 3,5 TWh zusätzliche Wasserkraftproduktion, um das im Stromgesetz verankerte Ziel von 39,2 TWh bis 2050 zu erreichen (Swiss Small Hydro, 13. August 2026). Das Zubaupotenzial der Kleinwasserkraft bezifferte das BFE auf 0,77 TWh, wobei durch erwartete Stilllegungen 0,22 TWh wegfallen (BFE, «Wasserkraftpotenzial der Schweiz», 2019, zitiert nach Swiss Small Hydro, August 2026). Jede Anlage, die aufgegeben statt erneuert wird, vergrössert die Lücke.
In Österreich fordert der Branchenverband seit Jahren, bestehende Querbauwerke pauschal als Beschleunigungsgebiete auszuweisen (Salzburg24, 4. August 2026). Der Gedanke dahinter gilt für den ganzen DACH-Raum: Die Erneuerung eines bereits genutzten Standorts ist ökologisch meist verträglicher als ein Neubau an einer unberührten Gewässerstrecke.
Modernisierung: Wo der grösste Hebel liegt
Viele Kleinwasserkraftwerke laufen mit jahrzehntealten Turbinen und Steuerungen. Moderne Laufräder und Regelungen arbeiten im Teillastbereich effizienter, der bei sinkenden Sommerabflüssen wichtiger wird. Langsam drehende Turbinen und Wasserkraftschnecken reduzieren Fischschäden, digitale Fernüberwachung senkt Stillstandszeiten.
Ein oft unterschätzter Hebel ist die Dotierturbine, die das vorgeschriebene Restwasser zusätzlich zur Stromproduktion nutzt. Wie relevant das ist, zeigen die Septemberdaten: Dotierkraftwerke lieferten in der Schweiz trotz Trockenheit noch rund 11,8 GWh (Swiss Small Hydro/Pronovo, Oktober 2026).
Auch das Absatzmodell entscheidet. In der Schweiz sind Kleinstwasserkraftwerke unter 300 kW besonders wettbewerbsfähig, wenn sie ihren Strom in einem Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (ZEV) oder einer Lokalen Elektrizitätsgemeinschaft (LEG) absetzen, oft interessanter als reine Photovoltaiklösungen (Swiss Small Hydro, Factsheet 2025). Die Gestehungskosten hängen stark von der Grösse ab: Anlagen von 1 bis 10 MW liegen bei 4 bis 9 Rappen pro kWh, Anlagen von 300 kW bis 1 MW bei 7 bis 11 Rappen, Anlagen von 50 bis 300 kW bei 9 bis 16 Rappen und Kleinstanlagen bis 50 kW bei über 12 Rappen (Swiss Small Hydro, Factsheet 2025). Weil Komponenten bis zu 80 Jahre halten, muss sich die Investition über diese gesamte Lebensdauer rechnen (Swiss Small Hydro, Factsheet 2025).
Förderung in der Schweiz und Österreich
Ohne finanzielle Unterstützung scheitern viele Erneuerungsprojekte. In der Schweiz unterstützt der Bund Kleinwasserkraftanlagen ab 300 kW mit Investitionsbeiträgen (BFE, Newsletter Kleinwasserkraft Nr. 47, 2022). Für Neuanlagen und erhebliche Erweiterungen beträgt der Beitrag in der Regel 50 Prozent der anrechenbaren Investitionskosten und kann unter bestimmten Bedingungen auf 60 Prozent steigen, bei erheblichen Erneuerungen sinkt er mit zunehmender Leistung linear bis auf 20 Prozent bei 10 MW (BFE, Newsletter Kleinwasserkraft Nr. 48, 2022). Seit der Revision der Energieförderungsverordnung 2023 können zudem ökologisch sanierte oder sanierungspflichtige Anlagen unter 300 kW einen Investitionsbeitrag erhalten, wenn sie erheblich erneuert oder erweitert werden (UVEK, Erläuternder Bericht zur EnFV-Revision, 24. Mai 2023).
Politisch ist einiges in Bewegung. Swiss Small Hydro kritisiert den seit 2017 geltenden Förderausschluss für Kraftwerke unter 1 MW und unterstützt die parlamentarische Initiative 24.476 «Jede Kilowattstunde erneuerbare Energie zählt», die im August 2026 in der Energiekommission des Ständerats beraten werden sollte (Swiss Small Hydro, 13. August 2026).
In Österreich fördert der Bund über das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz die Neuerrichtung, Erweiterung und Revitalisierung von Kleinwasserkraftanlagen bis 2 MW mit Investitionszuschüssen, die über die OeMAG abgewickelt werden (Land Oberösterreich, Förderung Kleinwasserkraft, abgerufen Oktober 2026). Für neu errichtete, erweiterte und revitalisierte Wasserkraftanlagen gibt es zudem eine Marktprämie, die für 20 Jahre gewährt wird (WKO Oberösterreich, EAG-Förderungen 2024).
Für die Wirtschaftlichkeit zählen überall dieselben Faktoren: eine Ertragsprognose, die künftige Trockenjahre einpreist, die Kosten ökologischer Auflagen und der erzielbare Strompreis. Da sich Förderkonditionen regelmässig ändern, lohnt sich ein früher Abgleich mit BFE und Kanton beziehungsweise OeMAG.
Fazit: Planung schlägt Hoffnung
Die Kleinwasserkraft bleibt im ganzen DACH-Raum eine verlässliche, dezentrale und winterstarke Stromquelle, der Sommer 2026 hat aber die Verwundbarkeit reiner Laufwasseranlagen offengelegt. Drei Punkte stechen heraus. Erstens verschiebt der Klimawandel das Wasserdargebot vom Sommer in den Winter, was Risiko und Chance zugleich ist. Zweitens wirken Restwasserauflagen direkt auf den Ertrag, während Sanierungen bei Fischgängigkeit, Geschiebe und Schwall-Sunk in der Schweiz entschädigt werden. Drittens entscheidet die Erneuerung bestehender Anlagen mit darüber, ob die Schweiz ihr Wasserkraftziel für 2050 erreicht.
Für Betreiber heisst das: Zustand von Turbine, Generator und Steuerung bewerten, die Ertragsprognose mit Trockenjahren und Hydro-CH2018-Szenarien neu rechnen, ökologische Auflagen früh mit den Behörden klären, Fördergesuche rechtzeitig einreichen und ZEV oder LEG als Absatzmodell prüfen. Solide Technik und realistische Planung zählen dabei mehr als jeder nasse Herbst.
Quellen: Swiss Small Hydro, «Kleinwasserkraftproduktion fällt im September auf 151 GWh», 26. Oktober 2026; Swiss Small Hydro, «Die Frage der Produktionsminderung aufgrund von Restwassersanierungen», 13. August 2026; Swiss Small Hydro, «Factsheet Kleinwasserkraft in der Schweiz», Stand 1. Januar 2025, publiziert 12. März 2026; Pronovo, Produktionsdaten nach Technologien (provisorisch), 2026; BAFU, «Abflüsse im Wandel» (Hydro-CH2018), 20. Mai 2026; BAFU, «Ökologische Sanierung bestehender Wasserkraftanlagen: Finanzierung der Massnahmen», 2016; WSL, Universität Bern und Eawag, «Datenbasierte Restwasserberechnungen», 24. Februar 2026; Hydrosuisse und Axpo Power AG, «Produktionsminderung aufgrund Restwasserbestimmungen», Hydrosuisse Journal 2-2026, Juni 2026; BFE, «Wasserkraftpotenzial der Schweiz», 2019; BFE, Newsletter Kleinwasserkraft Nr. 47 und Nr. 48, 2022; UVEK, «Erläuternder Bericht zur Revision vom 24. Mai 2023 der Energieförderungsverordnung», 24. Mai 2023; Kleinwasserkraft Österreich, Verbandspräsentation, 2025; Salzburg24, «100-jähriges Extremereignis: Salzburgs Kleinwasserkraftwerke wegen Trockenheit vor dem Stillstand», 4. August 2026; APA/Salzburg24, «Trockenheit bremst Wasserkraftwerke aus», 29. Juli 2026; Land Oberösterreich, «Neuerrichtung sowie Revitalisierung von Kleinwasserkraftanlagen», abgerufen Oktober 2026; WKO Oberösterreich, «EAG-Förderungen 2024», 2024; Umweltbundesamt, «Wasserkraft als erneuerbare Energie», Texte 22/2012, 2012; DBFZ, «Strom aus Laufwasserkraft», Oktober 2022.