#78 [Journal] Published: 03.11.2026
Cover-Bild: Vom Landwirt zum Energiewirt: So rechnen sich Solarstrom, Speicher und Energiegemeinschaften auf dem Hof

Vom Landwirt zum Energiewirt: So rechnen sich Solarstrom, Speicher und Energiegemeinschaften auf dem Hof

Höfe werden zu Kraftwerken. Unsere Rechnung für 150 kWp zeigt, warum Eigenverbrauch, Speicher und Energiegemeinschaften über die Rendite entscheiden.

Ein Kuhstall in der Ostschweiz, ein Ackerbaubetrieb in Niederbayern, ein Milchviehhof im Salzburger Land: Auf immer mehr Höfen liegt ein Kraftwerk auf dem Dach, und immer öfter steht darunter ein Speicher. In der Schweiz gingen 2025 auf landwirtschaftlichen Gebäuden 1'317 neue Photovoltaikanlagen mit zusammen 110,1 MW ans Netz, im Schnitt 83,6 kW pro Anlage (BFE/Swissolar, Statistik Sonnenenergie 2025). Eine neue Einfamilienhaus-Anlage kam im gleichen Jahr auf durchschnittlich 13,4 kW (BFE/Swissolar, Statistik Sonnenenergie 2025). In Österreich bringt die FH Oberösterreich die Entwicklung auf den Punkt: Aus Landwirtinnen und Landwirten werden Energiewirtinnen und Energiewirte (FH Oberösterreich, März 2025). Hier wird's spannend: Wann rechnet sich das, welche Rolle spielen Speicher und Energiegemeinschaften, und was können Eigenheimbesitzer davon lernen?

Warum Höfe ideale Energiestandorte sind

Landwirtschaftliche Betriebe bringen drei Dinge mit, von denen andere Gebäude nur träumen: grosse, oft unverschattete Dachflächen, einen täglichen Strombedarf für Melken, Kühlen, Lüften und Füttern sowie Platz für Technik.

Entscheidend ist das Verhältnis von Produktion zu Verbrauch. In Deutschland rechnet die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf für einen Milchviehbetrieb mit rund 500 kWh Strom pro Kuh und Jahr, während eine PV-Anlage auf dem Stalldach etwa 1000 kWh pro Kuh liefert (top agrar, Juli 2021). Ein deutscher Betrieb aus derselben Reportage produzierte 2020 rund 180'500 kWh und nutzte davon 42'163 kWh selbst, also etwa 23,5 Prozent (top agrar, Juli 2021). Der Moment, wo's klick macht: Das Dach ist selten der Engpass. Der Engpass ist, wie viel Strom der Hof im richtigen Moment selbst braucht.

Zum Ertrag in der Schweiz: Netzverbundanlagen lieferten 2025 im Mittel 900 kWh pro kW installierter Leistung, im schwächeren Jahr 2024 waren es 820 kWh pro kW (BFE/Swissolar, Statistik Sonnenenergie 2025). Diese Schwankung von rund zehn Prozent gehört in jede Planung.

Schweiz: Melden statt bewilligen

In der Schweiz brauchen genügend angepasste Solaranlagen auf Dächern in Bau- und Landwirtschaftszonen keine Baubewilligung, sie müssen der zuständigen Behörde lediglich gemeldet werden (Art. 18a RPG). Ausgenommen sind Kultur- und Naturdenkmäler von kantonaler oder nationaler Bedeutung. Freistehende Anlagen auf der Wiese sind ein anderes Kapitel: Agri-PV ist seit der Revision der Raumplanungsverordnung im Juli 2022 möglich, wenn sie der landwirtschaftlichen Produktion Vorteile bringt oder Versuchs- und Forschungszwecken dient (BFE, Technologie-Monitoring PV, Januar 2026). Entsprechend klein ist dieser Markt noch: 2025 kamen in der Schweiz 18 Agri-PV-Anlagen mit zusammen 2,0 MW dazu (BFE/Swissolar, Statistik Sonnenenergie 2025).

Gefördert wird über die Einmalvergütung (EIV). Bei Anlagen mit Eigenverbrauch darf sie in der Schweiz höchstens 30 Prozent der Kosten von Referenzanlagen decken, bei grösseren Anlagen liegt der Förderanteil effektiv zwischen 20 und 25 Prozent (UVEK, Erläuterungen zur EnFV-Änderung, November 2026). Dazu kommen je nach Kanton und Gemeinde eigene Programme, die vor der Bestellung abzuklären sind.

Eigenverbrauch schlägt Einspeisung

Eine Dachanlage mit 100 bis 300 kW im Schweizer Mittelland produziert Strom für rund 11,5 Rappen pro kWh, Investition und Betrieb eingerechnet, ohne Förderung (BFE, Technologie-Monitoring PV, Januar 2026). Ein Gewerbebetrieb mit 150'000 kWh Jahresverbrauch (ElCom-Profil C3) zahlt 2026 je nach Netzbetreiber zum Beispiel 21,72 Rappen pro kWh in Medel oder 30,36 Rappen in Winterthur (Ovra electrica Medel, Tarifjahr 2026; Stadtwerk Winterthur, Tarifjahr 2026). Für eingespeisten Strom aus Anlagen ab 100 kW mit Eigenverbrauch vergütet Stadtwerk Winterthur 2026 im Sommer 6,20 und im Winter 9,20 Rappen pro kWh, inklusive Herkunftsnachweis (Stadtwerk Winterthur, Tarifjahr 2026).

Die Rechnung ist simpel: Jede selbst genutzte kWh ersetzt teuren Netzstrom, jede eingespeiste kWh bringt in diesem Beispiel weniger, als ihre Produktion kostet. Dazu kommt ein Trend. In der Schweiz gilt seit dem 1. Januar 2026 ohne Einigung mit dem Netzbetreiber der vierteljährlich gemittelte Referenz-Marktpreis, ab dem 1. Januar 2027 soll die Vergütung dem stündlichen beziehungsweise viertelstündlichen Marktpreis zum Zeitpunkt der Einspeisung entsprechen, abgefedert durch Minimalvergütungen für Anlagen unter 150 kW (UVEK, Erläuterungen zur EnFV-Änderung, November 2026). Mittags im Sommer, wenn alle Dächer liefern, wird Einspeisung damit tendenziell weniger wert.

Für Überschüsse gibt es neue Wege. In der Schweiz ermöglicht die lokale Elektrizitätsgemeinschaft (LEG) seit dem 1. Januar 2026 den Stromverkauf über das öffentliche Netz innerhalb der Gemeinde. Auf dem intern ausgetauschten Strom gibt es 40 Prozent Abschlag auf den Netznutzungstarif, wenn nur eine Netzebene beansprucht wird, sonst 20 Prozent (EKZ, Tarifblatt LEG 2026). Für Höfe mit Wohnhaus, Ferienwohnung oder Hofladen bleibt zudem der Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (ZEV) eine Option. In Deutschland müssen Verteilnetzbetreiber seit dem 1. Juni 2026 Energy Sharing nach § 42c EnWG ermöglichen (BDEW, 2026). In Österreich gab es Mitte 2026 knapp 6'000 Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften (BMWET, September 2026).

Speicher: stationär, mobil und thermisch

Stationär: 2025 wurden auf Schweizer Landwirtschaftsgebäuden 609 Lithium-Ionen-Speicher mit durchschnittlich 50,8 kWh installiert (BFE/Swissolar, Statistik Sonnenenergie 2025). Bei den Kosten zeigt die Schweizer Preisbeobachtung, wie stark die Fixkosten durchschlagen: Speicher unter 10 kWh kosteten 2025 im Median 686 Franken pro kWh, solche zwischen 20 und 30 kWh 504 Franken pro kWh (EnergieSchweiz, Preisbeobachtungsstudie 2025). Diese Daten stammen vorwiegend aus Offerten für Wohngebäude, für einen Hofspeicher mit 50 kWh und mehr führt kein Weg an konkreten Offerten vorbei. Für die Lebenszykluskosten wichtig: Die Schweizer Statistik rechnet bei Lithium-Ionen-Speichern mit rund 10 Jahren Lebensdauer, bei PV-Modulen mit 33 Jahren (BFE/Swissolar, Statistik Sonnenenergie 2025). Über das Leben einer PV-Anlage wird der Speicher also mehrmals gekauft. Am meisten bringt er dort, wo er Lastspitzen kappt und damit Leistungstarife senkt.

Mobil: Ein E-Traktor ist eine rollende Batterie. Im Projekt «Der energieeffiziente Bauernhof» der FH Oberösterreich ist der E-Traktor zu 60 Prozent der Zeit nicht im aktiven Feldeinsatz und soll in dieser Zeit PV-Überschüsse aufnehmen und bidirektional wieder abgeben (FH Oberösterreich, März 2025). Technisch funktioniert das, bei Normen, Messung und Tarifen ist in allen drei DACH-Ländern aber noch vieles im Aufbau.

Thermisch: Oft unterschätzt. Milchkühlung, Warmwasser für die Melkhygiene und Trocknung können Überschussstrom als Kälte oder Wärme puffern, etwa in Eiswasserspeichern oder gut gedämmten Boilern.

Die Beispielrechnung: 150 kWp auf dem Stalldach

Ein Schweizer Betrieb im Mittelland baut eine Aufdachanlage mit 150 kWp, vorerst ohne Speicher. Laut Kostenregression der Preisbeobachtungsstudie kostet das rund 178'000 Franken ohne Mehrwertsteuer (EnergieSchweiz, Preisbeobachtungsstudie 2025). Bei einem Förderanteil von 20 bis 25 Prozent (UVEK, Erläuterungen zur EnFV-Änderung, November 2026) bleiben netto rund 134'000 bis 143'000 Franken.

Mit 900 kWh pro kW (BFE/Swissolar, Statistik Sonnenenergie 2025) produziert die Anlage rund 135'000 kWh im Jahr. Angenommen, der Hof nutzt die Hälfte davon selbst, also 67'500 kWh (Annahme, stark abhängig vom Lastprofil). Zu den C3-Tarifen aus Medel und Winterthur spart das rund 14'700 bis 20'500 Franken pro Jahr. Die übrigen 67'500 kWh fliessen ins Netz. Vereinfacht gewichtet mit einem Winteranteil von Dachanlagen von 25,7 Prozent (BFE, Technologie-Monitoring PV, Januar 2026) ergeben die Winterthurer Ansätze knapp 7 Rappen pro kWh oder rund 4'700 Franken. Abzuziehen sind Betriebskosten von 3,8 bis 5,5 Rappen pro kWh für Anlagen um 100 kW (BFE, Technologie-Monitoring PV, Januar 2026), also rund 5'100 bis 7'400 Franken.

Unter dem Strich bleiben jährlich rund 11'900 bis 20'100 Franken. Statisch amortisiert sich die Anlage damit nach rund 7 bis 12 Jahren. Zwei Einschränkungen gehören dazu: Der C3-Durchschnittspreis enthält Grund- und Leistungspreise, die eine PV-Anlage nicht vollständig senkt, die Ersparnis liegt daher eher am unteren Rand. Und Dachsanierung, statische Verstärkung oder Netzverstärkung sind in den Investitionskosten nicht enthalten.

Stolpersteine aus der Praxis

Dachzustand: Die Preisbeobachtungsstudie klammert Dachrenovation, statische Verstärkungen und Netzverstärkungen ausdrücklich aus. Muss eine neue Verteilung her oder ist die Zuleitung zu ersetzen, können diese Arbeiten bis zu 30 Prozent des Gesamtbudgets ausmachen (EnergieSchweiz, Preisbeobachtungsstudie 2025). Ältere Faserzementdächer können zudem Asbest enthalten und gehören vor der Montage fachgerecht abgeklärt.

Brandschutz: Heu, Stroh und Staub verlangen saubere Planung, zertifizierte Komponenten und eine frühe Abstimmung mit der Gebäudeversicherung. Je nach Gebäude verlangen die Behörden zusätzlich Notabschaltungen für die Feuerwehr oder eigene Brandschutzräume für Wechselrichter (EnergieSchweiz, Preisbeobachtungsstudie 2025).

Netzanschluss: Ländliche Netze sind oft knapp dimensioniert. Anschlussleistung und mögliche Einspeisebegrenzungen gehören deshalb vor die Offerte, nicht danach.

Dimensionierung: Ohne Lastgang wird geraten. Eine Messung im 15-Minuten-Raster über mindestens ein Jahr zeigt, wann der Hof wirklich Strom braucht, und schützt vor zu grossen Speichern, die die Amortisation verlängern.

Was Eigenheimbesitzer mitnehmen können

Die Prinzipien gelten eins zu eins, nur kleiner. 2025 hatte eine neue Einfamilienhaus-Anlage in der Schweiz im Schnitt 13,4 kW, ein neuer Heimspeicher 12,7 kWh (BFE/Swissolar, Statistik Sonnenenergie 2025). Der Hof zeigt, worauf es ankommt: Verbrauch in die Sonnenstunden schieben, Wärmepumpe und Boiler als thermische Speicher nutzen, das E-Auto mittags laden und die Batterie nach Lastprofil statt nach Bauchgefühl dimensionieren. Für kleine Anlagen gibt es zudem Rückenwind: Ab dem 1. April 2027 steigt in der Schweiz die Einmalvergütung für angebaute und freistehende Anlagen unter 30 kW auf 400 Franken pro kW (UVEK, Erläuterungen zur EnFV-Änderung, November 2026).

Fazit: Vom Dach zum Geschäftsmodell

Erstens: Auf dem Hof ist selten die Dachfläche der Engpass, sondern der Eigenverbrauch. In der Schweiz kostet Dachstrom aus Anlagen mit 100 bis 300 kW rund 11,5 Rappen pro kWh (BFE, Technologie-Monitoring PV, Januar 2026), während die Einspeisung im Beispiel Winterthur 6,20 bis 9,20 Rappen bringt (Stadtwerk Winterthur, Tarifjahr 2026). Zweitens: Ein Speicher rechnet sich mit Lastgang, Lastspitzen und realistischer Lebensdauer im Blick, nicht als Prestigeobjekt. Drittens: Mit der LEG in der Schweiz, Energy Sharing in Deutschland und Energiegemeinschaften in Österreich wird der Überschuss für den Nachbarn zur Einnahmequelle.

So gehst du's an: Lastgang messen, Dach und Brandschutz prüfen, Netzanschluss beim Verteilnetzbetreiber anfragen, Förderung und Rückliefertarif abklären, erst dann Offerten vergleichen und den Speicher dimensionieren. Widerstand zwecklos: Die Sonne scheint auch aufs Stalldach.

Quellen: BFE/Swissolar, «Statistik Sonnenenergie, Referenzjahr 2025», 9. Juli 2026; EnergieSchweiz/Planair, «Photovoltaikmarkt: Preisbeobachtungsstudie 2025», 3. August 2026; BFE (BFH/SUPSI), «Technologie-Monitoring: Wirkungsgrade von Photovoltaikmodulen sowie Investitions- und Betriebskosten von PV-Systemen», 9. Januar 2026; UVEK, «Erläuterungen zur Änderung vom November 2026 der Energieförderungsverordnung (EnFV)», November 2026; Bundesgesetz über die Raumplanung, «Art. 18a RPG Solaranlagen», geltende Fassung; EKZ, «Tarifblatt Lokale Elektrizitätsgemeinschaften (LEG)», Tarifjahr 2026; Stadtwerk Winterthur, «Preisübersicht Einspeisevergütung 2026» und «Übersicht Stromtarife 2026», Tarifjahr 2026; Ovra electrica Medel, «Kundeninformation Januar 2026», Tarifjahr 2026; BDEW, «Energy Sharing: Wenn der Strom vom Nachbarn kommt», 2026; BMWET, «Medienmitteilung zum EAG-Monitoringbericht 2026 der E-Control», 30. September 2026; FH Oberösterreich, «Der energieeffiziente Bauernhof», 24. März 2025; top agrar, «Reportage zu Photovoltaik auf Milchviehbetrieben mit der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf», Juli 2021